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414 Epiſteln.
ſchwimmen die Karpfen und Forellen zu, als müßten ſie
ihre Andacht bei ihm verrichten.“
Des Abends klopfte es auf unſrer Stube, und er trat
herein..Kes habe ihn getrieben, nach dem Befinden der
frernden Signori zu ſehen, ſagte er. Er war freundlich
und wohlwollend in ſeiner Art. Wir luden ihn zu einem
Glas vino santo ein. Er trank, aber nur, um höflich zu
ſein. Wir zeigten ihm Bilder und Photographien von
Benedig und erzählten ihm von welſchen und deutſchen
Dingen. „Eines iſt wahr“, ſagte er, „man lernt viel bei
Euch in der Jugend.“ Wir ſtießen mit ihm an. Er begann,
gemütlich zu werden.
„Ich hege nur den einen Wunſch“, fuhr er fort, „daß
wir dereinſt ſelbdritt im Paradies zuſammen ſitzen könn—
ten ſo einmütig und herzlich wie hier auf dieſer Stube.“
„Hoffen wir es!“ ſprach ich zu ihm.
„Es iſt nicht möglich“, ſagte er und ſetzte ſein Glas ab.
Die Leute im Kaſtell hatten ihm zu ſeiner Erquickung
ein Bad bereitet und riefen ihn ab...
Seine Mitbrüder, die vor und nach ihm ſonntäglich
allhier erſchienen, mag ich nicht des näheren beſchreiben.
9. Von den Bewohnern des Kaſtells.
Herr und Meiſter des Schloſſes iſt der Graf Pius
Wolkenſtein in Trient. Wie es aber überall zu gehen
pflegt, wo das Auge des Herrn nicht ſelbſt wacht, und wo
ein rechtſchaffener Verwalter ſeine Pflichten gegen ſeinen
Mitmenſchen mit denen gegen ſich ſelbſt in gehörigen Ein⸗
klang zu ſetzen weiß, iſt auch hier beſagter Graf Wolkenſtein
in Hintergrund geſetzt und ſozuſagen auf ſeinem eigenen
Schloß Hinterſaß geworden, während ſein Adminiſtrator
Sommadoſſi ſich drin eingeniſtet und ausgebreitet hat,
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wie der Golem in der arabiſchen Sage’. Daher iſt der
eigentliche Padron des Kaſtells Sommadoſſi der Alte,
1 „Golem“, die bezauberte Tonfigur, iſt nur hebräiſch; vgl. die Anmer⸗
kung am Schluſſe des Bandes.
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