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Epiſteln.
) Der Soldat war ein Taugenichts und iſt von
wegen falſcher Liebe unter die Kroaten ge—
gangen. Von ſeiner Hand ſteht ein Vers an
der Saaltür angeſchrieben:
„Addio, mia bella, addio!
l'armata se ne va.
Se non partissi anch' io
Saria una viltà¹?“
Monatlich regelmäßig eintreffende Briefe aus
der Garniſon Bregenz, Zuſchuß von 20 bis 50
Gulden zur Kadettenlöhnung betreffend, er—
innern Sommadoſſi den Alten an die Exiſtenz
dieſes Sohnes.
b) Die Anweſenden.
a) Candidus der Poſtverwalter hat eine ſchöne
junge Frau aus Drö; bei der Hochzeit wurde
ihm ein auf Velin gedruckter Feſtgeſang über-
reicht, der den feierlichen Wunſch enthält: „E
fia la tua vita un solo amplesso'!“ und da ein
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Poſtverwalter im Sarcatal noch mehr Muße 20
hat als einer im Reich draußen, ſo beſtrebt er
ſich, in Erfüllung ſeiner Menſchenpflichten
dieſen Wunſch zur Realität zu machen.
⁶£) Emiliano. Wie oft ſah ich ihn wandeln, den
blaſſen Füngling mit dem wehmütigen Lächeln
um die unſchönen Lippen, in ſeiner breiten
Sommerkappe und mit dem eleganten Stöck—
chen — und ward mir nicht klar, was in dieſer
weiten Natur einen Menſchen ſo betrübt und
ſeelenleidend machen kann. Und der Chirurg
von Calavin kam eines Tages von ſeinen Ge—
birgen niedergeſtiegen und ſetzte ihm ein
Dutzend Blutigel an die Nordſeite des ſterblichen
Leichnams, da blieb er etliche Tage zu Bett,
aber das Leiden war nicht gehoben, und er geht
wieder ſo verſtört niedergeſchlagen einher wie
1 „Leb' wohl, Liebſte, das Heer zieht aus. Wenm nicht auch ich mit-
ginge, wär's eine Feigheit.“ — ² „Dein Leben ſei eine einzige Umarmung!“
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