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422 Epiſteln.
höheren Schlages. Sieben Töchter und zwei Söhne ſind
ſeinem Stilleben entſproſſen.
In den heißen JZuli- und Auguſttagen hat der welſche
Bauer in der Campagna nichts zu ſchaffen und überläßt,
ruhig auf der faulen Haut ausruhend, der Mutter Natur
die Arbeit.
Für Stefano Baſetti tamen wir ſomit zu rechter Zeit
in dieſen Landen an.
Am zweiten Tag nach der Ankunft fuhren wir in der
lecken Barke, die unter zierlich gebautem, mit Zinnen ver⸗-
ſehenen Mauerverſchlag im ſeeumſpülten Schloßhof liegt,
hinaus in die Abendkühle. Stefano ruderte. „Werden
die Signori morgen wieder fahren?“ ſprach er, als wir
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zurückkamen. „Ja.“ Um dieſelbe Stunde war er wieder
an der Barke.
Nach kurzer Friſt begannen wir uns sͤ nach verſchiede-
nen Richtungen in die Umgegend auszubreiten. Meiſter
Anſelm hatte Plätze ausgeſucht, wo er ſeine VBenetianer
Leinwanden mit kräftigen Landſchaftsſtudien zu decken
gedachte... ich hatte einen ſchattigen Winkel an unzu—
gänglichem Seeufer gefunden, der mir zu vormittäglicher
Meditation und Brütung alter Geſchichten wie gemacht
erſchien. „Wer wird uns alles beſorgen, Staffelei, Mal—
kaſten, Leinwand ins Gebirg', wer über den See?“ frag—
ten wir unſern Fährmann. „Mi“, ſprach Stefano. „Mi“
heißt hierlands: „Ich“. Damit vervielfältigte ſich ſein Ge—
ſchäftskreis ins Unendliche. Aber er kam pünktlich und
ſchleppte den Malapparat in die Berge, und fuhr mit mir
über den See, und kam vor Mittagszeit und ſchleppte
alles wieder heim, und kam zu mir herübergefahren und
ſetzte mich wieder über.. und hatte ſeine Bauernfreude
an unſerer Hantierung, und wenn wir von der Barke in
die kühle Flut ſprangen und ihm davonſchwammen, da
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rief er ein übers andremal ſein ſtaunendes „Höh höh..“
und ſprach: ſo brav im ins-Waſſer-gehen ſei hierlands
niemand.
Wie die nähere Umgegend erſchöpft war, fragten wir
ihn nach etlichen Wegen in weitere Ferne. „Ich gehe mit“,
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