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424 Epiſteln.
und mit der Fauſt dem Holz entlang fahren zuſammen-
geſetzt iſt und mir vom Anklopfen der Hauenſteiner Bauern
an der Amtskanzlei zu Säckingen noch wohlbekannt iſt..
Dann erſcheint eine Geſtalt unter der geöffneten Tür,
die, wie ſie uns anſichtig wird, einen Schritt zurücktaumelt,
weil ihr jetzt erſt einfällt, daß ſie den Hut noch auf dem
Haupt trägt... und ſie reißt den Hut mit krampfhaft
gebogenem Arm nieder und öffnet den breiten Mund zu
einem Lachen, aus dem eine unendliche Fülle von Wohl⸗
wollen herausklingt, und frägt: „Vanno in nissun' luogo
oggi, i Signori? “ Das iſt Stefano Baſetti, unſer
Sklav'.
erhielt, daß die Überreſte unſerer Mittagsmahlzeit nicht
in die Küche des Kaſtells zurück, ſondern in ſeine casa
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Seit er die ſchüchtern vorgebrachte Bitte verwilligt
hinüberwandern, hat ſich ſein Eifer geſteigert, und er iſt
neulich ſogar auf dem Bock neben dem Kutſcher mit nach
Terlago gefahren, ohne eine Silbe der Andeutung ver⸗
ſtehen zu wollen, daß dieſer Ausflug auch ohne ihn be—
werkſtelligt werden könne.
Stefanos Tochter Carolina iſt unſere Aufwärterin und
cameriera; noch faſt in jedem Dorf, durch das wir mit
ihm wanderten, hat da oder dort eine Frau zum Fenſter
herausgeſchaut und ihn gegrüßt, und er hat mit Stolz
geſagt, es ſei eine verheiratete Tochter.
Es wäre noch viel zu erzählen..aber eben reißt ſich
die Tür wieder auf und er ruft: „Sono pronti gli ani-
mali?!“ Wir ſollen nach den Höhlen von Laſine reiten...
Mög' es uns am Füngſten Gericht nicht angerechnet
werden, wenn Stefano Baſetti, der Mann von 57 Fahren 30
und Vater von 9Kindern, durch ſeinen Guſto an den zwei
fremden Signori zum Bummler geworden!
1 „Gehen die Herren heute wohin?“ — ² „Die Eſel ſtehen bereit.“
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