Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 428
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0428
42 8 Epiſteln.

unterſetzte Geſtalt, das Haupt mit einem ehrwürdigen
alten Filzhut verdeckt und auf den Arm geſtützt, die Beine
ſchlapp herunterhängend ..nHdie Spinnerinnen bedien—
ten ſie mit Polenta und Suppe und lachten, daß die Halle
dröhnte und meine Neugier aufs höchſte geſpannt war.
Wie ich aber näher hinzutrat, verblieb die Geſtalt in
ihrer ſelben unehrerbietigen Stellung. Und ich ſchaute
ihr ins Antlitz ... da war das Antlitz von einem Tuch
umhüllt, und das Ganze eine lebensgroße Puppe, der
Kern des Leibes Heu und Stroh, das Gewand das eines
Hausknechts. Das Gelächter der ſchmauſenden Damen
wurde ſo unmäßig, daß ich in erſter Indignation nicht
umhin konnte, dieſem Gegenſtand ihrer Verehrung unter
einem verächtlichen „Buon appetito, Signore!“ mit eini-
gen Hochquarten den Hut noch tiefer ins Antlitz zu treiben
und mich geräuſchlos zu verziehen. — Wie aber das Mahl
zu Ende war, da hob ſich ein ſtürmiſch jubelnder Feſt—

geſang auf ſeinem Lehnſtuhl erhöht wurde das Haus-

knechtsphantom die Treppe hinabgetragen, unten ein
feierlicher Umzug mit ihm bis an das äußere Tor gehalten,
dann eine Kutſche vorgeſchleppt und die Mumie, in ſtiller
Größe auf dem Bock thronend, von den raſenden Weibern
mänadenartig an Pferdesſtelle umhergefahren bis an das
Portal, das in den Nebenhof der Fabrik führt. Dort teil⸗-

ten ſich die feſtfeiernden Fungfrauen in zwei Chöre, die

einen waffneten ſich mit Beſen, Ruder und Miſtgabel und
beſetzten das Portal; — die andern nahmen das immer ge⸗
duldige Götterbild in ihre Mitte und ſuchten mit ihm den
Eingang zu erzwingen. es war ein Kampf, würdig
in Marmor verehrt zu werden; dreimal ſtürmten ſie an,
ein Miſtgabelſtich durchbohrte ihr Idol, die Verteidige—
rinnen machten einen Ausfall und entriſſen ihn den
ſchützenden Händen der Stürmer, mit Tritten ward er
mißhandelt, mit Beſen von hinten gezüchtigt, dann wie—
dererobert... der Hausknecht blieb ſich gleich wie ein
Unſterblicher.. . Die Wangen der Kämpfenden erglüh—
ten um ihn, wild flatterte gelöſtes Haar im Winde...
endlich kam auch ihm die Stunde der Vernichtung, die



5

30


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0428