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Gedenkbuch über ſtattgehabte Einlagerung auf Kaſtell Toblino. 429
Reihen ſchloſſen ſich und fielen gemeinſam über ihn her,
und riſſen ihn in Stücke, wie die thrakiſchen Weiber den
Orpheus, unter erneutem Geſang wurden die Trüm⸗—
mer deſſen, der an ihrem Mittagstiſch gethront, den alten
5 Hut voran. . in die Wogen des Sees geſchleudert...
und nichts als ein Paar zerfetzte leere Hoſen, die am Ge—
ſtade liegenblieben, gaben Kunde von ſeinem Daſein.
Einen Rattenſchwanz unter meinem Fenſter rauchend,
war ich Zeuge dieſes furchtbaren Myſteriums geweſen.
10 Tiefes Nachſinnen ergriff mich. Ich vergegenwärtigte
mir im Geiſte alles, was die germaniſche Mythologie von
ähnlichen Kulten berichtet. Vergeblich.
Ich fand keinen löſenden Schlüſſel... Endlich däm⸗
merte es in meinen Gedanken.
15 Ich erinnerte mich, daß ich hier auf einem Boden ſtehe,
wo der römiſche „Kameral- und Gefällverwalter“ Drui—
nus den fatis fatabus einſt ein tegurium gewidmet hat.
Sollte ſich etwa der Begriff des männlichen Schick—
ſalsgottes im Gemüt ſeideſpinnender Epigoninnen des
20 19. Jahrhunderts mit dem des Hausknechts identifiziert
haben? Sollte unter dieſem fremdartigen Kultus die
tiefſinnige Symbolik des Kampfes der Menſchen mit dem
Schickſal verborgen liegen? unter dem tragiſchen Ausgang
die Andeutung, daß die Fungfrauen am Toblinoſee des
25 Glaubens leben, mit ihrem männlichen Schickſal dereinſt in
gleicher erſchreckender Art fertig werden zu können?...
Meine Seele iſt ſeit jenem Tag um ein ungelöſtes Pro⸗
blem reicher geworden. Ich werde über dieſen Gegenſtand
tiefere Unterſuchungen anſtellen!
30 14. Der See von Toblino.
Es iſt arg heiß heute, die Mücken ſummen unverſchämt
und ſetzen ſich mit läſtiger Vertraulichkeit auf fremder,
gerechter Männer Naſen. Die Luft zittert in Sonnenglut
und legt einen leiſen, dunſtigen Schleier um die Häupter
35 der ins matte Himmeiblau hinaufragenden Berge; weiß⸗
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