Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 435
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0435
Gedenkbuch über ſtattgehabte Einlagerung auf Kaſtell TCoblino. 435

ſtill und ſchweigſam... und ſie ihm auf die Schulter
flogen? Und wer hat dich hinuntergerufen in die Kapelle
an jenem Abend, da das Gewitter aus der Sarcaſchlucht
vorbrach, und die Barke mit den drei Männern im nieder⸗
5 hagelnden Regen vor euren Blicken ſchwinden wollte, daß
du die Glocke zogſt, die ihnen wie Stimme eines Engels
hinüberklang in ihre fährliche Fahrt?
Maria, ich danke dir. Aber wenn ich dich frage, wie
dir's geht, ſollſt du nimmer ſtumm nach meinem Meſſer
10 greifen und es nach deinem Herzen zücken..das tut mir
weh, bitterlich weh. Willſt du mir weh tun, Maria? — —

16. Molweno.

Es werden wenig Menſchen draußen in der ziviliſier-
ten Welt etwas von Molweno und ſeinem See und ſeinem
15 Gletſcher wiſſen. Daß wir Sonntag den 12. Auguſt in
jenem unbekannten Landſtrich eingeritten, ſagt mir außer
der Erinnerung noch ein gewiſſes unnennbares Gefühl,
was nur der zu würdigen weiß, der 8 Stunden im ſtroh—
gepolſterten Sattel eines Gebirgseſels ausgehalten hat.
20 Es war aber merkwürdig.
Stefanus der Sklav', der im Lauf einer dreiwöchent⸗
lichen Karriere bereits zum Reiſeintendanten und mattre
de plaisir avanciert iſt, hatte viel zu laufen, bis er die
Tiere zum Bergritt aufgetrieben, denn in dieſen geſeg—
25 neten paësen iſt für den Fremdentransport in ſeitwärts
gelegene Täler zum Glück noch keinerlei Fürſorge ge—
troffen. Endlich gelang's ihm; der Müller von Pader⸗
gnone ſtellte ein tadelloſes Grautier mit einem unſäglichen
Sattelwerk, ein anderer perſönlicher Freund Stefans ein
30 feuriges Pferdlein, das ſich in ausdauerndem und kun—
digem Beſchreiten der Bergpfade mit jedem hochſchotti⸗
ſchen Pony meſſen konnte. L
In ſtiller Sonntagsfrühe ward dem Kapuziner oben
an ſeinem Fenſter noch ein freundlicher Gruß zugewinkt,
35 dieweil heute die messa geſchwänzt ward, ebenſo der Pe—
dronilla, die nicht verſäumte, als gänzlich verfehltes Burg⸗
28*


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