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436 Epiſteln.
fräulein am Söller zu erſcheinen ... dann zog's geord-
net hinaus: Meiſter Anſelm auf dem cavalloto', ich als
geſetzterer Mann und Denker, wie ſich's gebührt, auf dem
Eſel, der hier ſchlechtweg das animal genannt wird, und
als reiſiger Knappe zu Fuß Stefanus der Sklav' im ſonn⸗
täglichen Kattunkittel.
Zwiſchen dem mächtigen Berg Doscardol und dem
Monte Gazza zieht eine Schlucht landeinwärts nach Fudi⸗-
carien; eine alte, noch ſtellenweis gepflaſterte Römerſtraße
führt über Trümmer und Geröll empor bis zu dem rauhen
und gottverlaſſenen Neſt Aranſch oder Laranſch, deſſen
rauchige Strohdächer und ſteinbeſäte Felder jeden Ge—
danken daran tilgen, daß unten im Tal Italien beginnt.
Da Stefanus der Sklarv' verſichert, bis nach Aranſch ſei's
ein leidliches stradone (Sträßlein), das Beſchwerliche
fange erſt nachher an, ſo durften wir, als die Höhe von
Aranſch erreicht war, nach dem bereits Erduldeten mit
Grund einem Weg entgegenſehen, deſſen bloße Vorſtel⸗
lung einem Waſſer- und Straßenbaureſpizienten im
flachen Deutſchland draußen das Haar ſträuben konnte.
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Der Weg kam auch. Jenſeits Aranſch ſahen wir über den
Gipfeln des Doscardol, der im Tal unten wie ein Rieſe
erſcheint, faſt hinweg, das Sträßlein krümmte ſich zu
einem Saumpfad zuſammen, der wie ein kaum ſichtbarer
Faden ſich um die Außenſeite unſeres in ſenkrechte Tiefe
abfallenden Berges zog, ..an einem Punkt ſchauten
wir etliche tauſend Fuß unter uns die Sarca durch ihre
Schluchten brauſen und tief unten die neue Fudicaria-⸗
ſtraße ſüdwärts ziehen gen Stenico..genüber türmte
ſich ein dem Kalkgebirg' entpreßter breiter roter Sand—
ſteinrücken, deſſen letzter Vorſprung die Trümmer des
Kaſtell Mann trug, als Mittelgrund vor einer Kette ferner
blauer Berge, die weſtlich vom Gardaſee als letzte Mauer
vor der lombardiſchen Ebene ſtehen.wir aber kehrten
der Sarca den Rücken und ritten ſchwebend über einer
zerklüfteten Talwildnis, durch die ein unbekannter Wild—
1 Starkes Pferd.
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