Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 440
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0440
440 Epiſteln.

geröllüberdeckten Niederung beim See eine Sägmühle;
ein Wildwaſſer kommt aus engem, dem Blick ſeither ver—
ſteckten Cal hervor, in dieſem Tal ragen finſter und trotzig
hinter den tannumſäumten Vorbergen viel zerklüftete
kahle Hörner und Spitzen empor, ewiger Schnee glänzt
in ihren Spalten, dunkle Eismaſſen umpanzern ihre
Rücken, und hinter dieſen Hörnern ragt eine zweite, noch
wilder zerriſſene Schicht Gebirges in unzugänglicher
Höhe..die Nebel kochen und wallen und weben un—
heimlich um die verhüllten Gipfel,. .das iſt der Glet—
ſcher von Molweno. .wer Luſt hat, mag in jene Wild⸗
nis emporklettern; wenn man drin iſt, ſagte Stefanus der
Sklav’, geht's zwanzig Stund lang ſo fort und fort, dann

kommt die alte Holzbrücke und dann die Schweiz. wer

ſchon fünf Stunden in animaliſchem Sattel verſeſſen, der
ruft „Vorbei! vorbei!“ und reitet ins Wirtshaus. Von der
männlichen Jugend des Dorfs unaufgefordert geleitet,
kamen wir daſelbſt an.
In der rauchgebräunten Vorhalle, angeſichts dieſer
ſchwerfälligen ſteinernen Häuſer, angeſichts der ſcharf—
kantigen Geſichter mit ihren Zipfelkappen unterm Hut,
angeſichts der ausgebuchteten Frackformen, die an den
Molwener Straßenecken auftauchten, ſtiegen befreundete
Erinnerungen in mir auf. Dies Gebirgsdorf in ſüdlicher
Alpenwildnis hat keine Spur italiſchen Charakters mehr,
wohl aber gleicht es wie ein Ei dem andern den rätiſchen
Niederlaſſungen in den Bündner Alpen, und wie ich mir
die Sprache dieſer Biedermänner näher ins Auge faßte,
fand ich, daß ſie einem Mann von Camogask und Guarda⸗-
vall oder hinten bei Diſentis wohl ebenſo verſtändlich iſt
als einem Bewohner der Arnoufer, „der Gletſcher“
heißt hier wie in Bünden „il vedrett“ und nicht „ghiac-
ciajo“, ynehmen“ heißt,ciappare“ und nicht „prendere“,
„ein junger Menſch“ „un pütell (puellus?)“ und nicht
„giovinotto“ uſw. uſw., und das Germaniſche iſt luſtig
eingedrungen und ſchaut trotz der italiſchen Zuſtutzung
ſchalkhaft hinter ſeiner Maske hervor ... Als ich ver—
nahm, daß auch hier zwei Flaſchen eine mösa (Mösß)

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