Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 448
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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448 Epiſteln.

der Sklav' ſtieg hinauf und löſte den eingerammelten
Baum...endlich ſtanden wir vor weitſchichtigem, wohl⸗-
erhaltenem Gebäu; — Torturm mit Schießſcharten, rie⸗
ſige Mauern mit Fenſtern und Balkonen, alte Wappen—
ſchilde und ſtille Bergeinſamkeit ringsumher, etliche Zie-
gen zwiſchen den Felſen weidend, rauher Luftzug und
ein ſcheuer Bauersmann, der lauernd auf den fremden
Bergſteiger ſah ... das war Madruzz. Der Mann, der
dieſe Trümmer hütet, hat große Räume zu ſeiner Ver-
fügung, aber kein Waſſer, keinen Wein und kein Brot.
Er führte uns in den noch von einem Dach überdeckten
Ritterſaal, durch deſſen leere Fenſterreihen ein ſcharfer
Wind pfiff, in Gemächer und Stuben mit reichverzierten

ſteingehauenen Portalen und Kaminen, in die rauch—

geſchwärzte Kapelle, die mit rohen Malereien geſchmückt
war, in tiefe Verließe und Kaſematten...

Madruzz war ein feſtes mächtiges Schloß, und die

Madruzzen waren Ritter und Kardinäle, wie's die Zeit
brachte, und hielten 119 Jahre lang das Fürſtbistum von
Trient in ihrer Hand. Es ging eine ſehr feudale Luft
durch dieſe Ruinen; in weitem Kreis zieht ſich eine Mauer
um den Schloßberg, die umgab ihrerzeit den großen, weit
im Land berühmten Wildpark des Kardinal Chriſtoph
Madruzz, unter deſſen Krummſtabführung das Bankett
in Trient gehalten ward zur Feier von Carolus des Fünf—
ten Sieg bei Mühlberg an der Elbe'; die Tridentiner Hof⸗
poeten haben's in langen Reimen beſungen, wie prächtig
alles zuging und wie elegant die Damen der Biſchofs—

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ſtadt dabei erſchienen... Und wie ich wieder im Ritter-

ſaal ſtand, da malte ich, während meine Fußtritte dröh—
nend durch die öde Halle klangen, mir im Geiſte aus, wie's
hier einſt gehallt und gejubelt haben mag, wenn die hoch⸗
weiſen Prälaten vom Tridentiner Konzil herüberritten,
um bei ihrem Kollegen von den Mühen des Dogmenauf-

30⁰

ſtellens und Anathemafluchens ſich zu erholen, und wie 35

manch ein Pokal vino santo unter gröblichen und feinen

1 24. April 1542.


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