Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 449
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0449
Gedenkbuch über ſtattgehabte Einlagerung auf Kaſtell Toblino. 449

Witzen über die Reformgelüſte germaniſcher Nation die
orthodoxen Kehlen hinabrieſelte, .. und ich ſah ſie alle
daſitzen, hagere, ſcheiterhaufenfrohe, verkniffene Geſtal—
ten ſchauten zwiſchen wohlgenährten, fettleibigen hervor,
5 und glatte Kanoniſten und Sekretäre, Kriegsmänner im
ſpaniſchen Mantel und Kammerherrn mög' ihnen
ſeinerzeit ihr Trunk wohl bekommen ſein!
Es iſt ſchon lang' her, daß der letzte Madruzz zu ſeinen
Vätern verſammelt ward, im Wildpark des Schloſſes
10 weiden Ziegen, in den Gemächern liegt Staub und Schutt
und in der Fenſterbrüſtung lehnt ein germaniſcher Mann
mit einer Brille und einem dubiöſen Zug um die Lippen,
und der Mann hat erſt vor kurzem den Hegel und den
Strauß und Ludwig Feuerbach dem Antiquar Wolff in
15 Heidelberg verkauft...
Aus den Fenſtern ſchweift der Blick weit in die Niede⸗
rungen des Sarcatals, unten der grüne See von Toblino,
weiter ſüdlich, zwiſchen Hügeln und Pflanzungen ver⸗
ſteckt, der See von Cavedine, in der Ferne die maſſigen
20 ausgezackten Felſen von Arco..Kes iſt weit und ſchön
dort droben.
„Jetzt iſt's vorbei mit der alten Herrlichkeit“, ſprach ich
zu Stefanus dem Sklaven, „alles ruiniert, roba vecchia!“
„Höh höhh!“ lachte Stefanus der Sklav', „und
25 ſie kommen nimmer herunter von ihrem Kaſtell, um bei
den Bräuten des Landes drei Nächte vor der Hochzeit zu
ſchlafen.“
Ich weiß nicht, ob die gangbaren Handbücher des
deutſchen Privatrechts mit ihren Kontroverſen über das
30 jus primae noctis je dem Sklaven Stefanus zu Geſicht
gekommen ſind..HKaber das vergnügte „Höh. höhh!“
mit dem er im 19. Fahrhundert chriſtlicher Zeitrechnung
über das Verſchwundenſein dieſes Rechtes lachte, ſcheint
darauf zu deuten, daß es auch einmal wirklich und ſaftig
35 exiſtiert hat.
„Es wird nichts mehr zu ſehen ſein“, ſprach ich im
Schloßhof, als wir von dem Hüter von Madruzz Abſchied
nahmen.
Scheffel. 1v. 29


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