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462 Epiſteln.
nordländiſchen Schiffer ehdem an den Felſen der Küſten
eine Runenſchrift eingruben, um den Nachkommenden
Kurs und Fährlichkeit des Weges anzudeuten, alſo hinter-
ließ mir derſelbige eine ſachkundige Epiſtel, daß ich in
betreff von Unterſchlupf, Atzung und Trank ſofort wußte,
wo aus und wo ein.
Und das erſte, nachdem ich dieſe Epiſtel auf der Poſt
erhoben und geleſen, zwanzig Minuten nach meiner An—
kunft, während der dicke Poſtmeiſter Fohann Alois Wenter
mich noch mit ſeinen triefenden Blicken abwog und als
ihm verfallenes Opferlamm taxierte, war, daß ich einen
Hausknecht rief und mit Sack und Pack wieder auswan—
derte, eh' daß ich noch den Reiſeſtaub von den Füßen ge—
ſchüttelt; denn in ſelbiger Epiſtel ſtand geſchrieben: „Winke
für den Kenner: ‚Poſt vornehmer. Eſſen teurer, herin—
gegen ſchlechter. Wein ſchauderhaft.“ Hab' jedoch nicht
verſäumt, dem Poſtmeiſter beim Abgang herzlich dafür
zu danken, daß er mir beſagte Epiſtel ſo prompt und ſchnell
zu Handen geliefert. —
Darauf hab' ich mich in einem Haus in der Steinacher
Vorſtadt bei redlichen Bürgersleuten eingeniſtet und bin
ſeither wohlzufrieden daſelbſt verweilet. Iſt aber nit viel
Beſonderes davon zu vermelden, dieweil da alles ſeinen
wohlgemeſſenen, ſeit Fahrhunderten gleichen Gang geht;
ſind den Fremden freundlich, halten unverzagt an alter
Sitte und altem Brauch, beten über eine Viertelſtund'
lang' laut zu Nacht und kümmern ſich um der großen Welt
Lauf nit viel; ſorgen aber für ihre Gäſt' nit bloß des Ge—
winns halber, ſondern mit Herzensfreudigkeit — und bin
ich manchmal nach Haus gekommen, ſo hatte meine dicke
Hausfrau für mich ein ſeltenes Birkhuhn oder ein Stein—
huhn, oder ein Dutzend vorzügliche Pfirſiche eingekauft,
weil ſie vermeinte, daß ſolches dem „fremden gnädigen
Herrn“ gebühre.
Hernachmals bin ich etlichemal zur table d'hôòte in die 25
Poſt gegangen, zu ſehen, was für welche homines sapien-
tes Linnäi der Zufall und ärztliche Verordnung diesmal
gen Meran geführet — hab' aber nach kurzer Rekognoſzie-
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