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Ein Bericht aus Meran. 465
dem ich nichts weiter ſag', als: wenn der Engere je infolge
ſchlechten Lufts und Wetters gezwungen würde, der Hei⸗
mat und den Heidelberger Penaten VBalet zu ſagen, ſo
wär' hier der Ort zu einer Immigration reſp. Okkupation
5 für ihn in corpore, und würde ſich aus den reichen Sälen
und Kellern dieſes braven Schloſſes ein phalanstère' für
ſachverſtändige Männer herrichten laſſen — des Neides der
Mitwelt würdig.
Hab' auf Lebenberg — außer vielen vorübergehenden
10 Beſuchen und tagweiſen Einlagerungen, drei große, ſo—
lenne Trinkungen abgehalten, und zwar:
Die erſt' im großen Ritterſaal, wo die alten Ahnen—
bilder der Grafen Fuchs hängen und die wunderſchöne
Ausſicht ins Etſchtal und nach der Hohen Mendel ſich vor
15s den Fenſtern auftut — als ein Dank- und Brandopfer,
wie es einſt Noah abhielt, nachdem die Sündflut verlaufen,
der göttlichen Fürſehung zum Preis und Ehr', daß ſie
mich in Not und Fährlichkeit der Cholera gnädig beſchützet
und in ein ſicheres Aſyl geleitet.
20 Die zweit' im „Bayriſchen Stübl“, wo der Spruch
über dem Eingang ſteht: „O quam bonum et jucundum,
fratres habitare in unumꝰ!“ als ein Requiem zu ehrendem
Gedächtnis des tapfern Mannes Friedrich Lentner, ſo bis
vor kurzem auf dieſen Räumen gehauſt und ſie mit den
25 Zeugniſſen ſeines fröhlichen, ſinnigen Künſtlergeiſtes ge—
ſchmückt hat. Dazu hab' ich mir vom freundlichen Burg—
fräulein die Chronik ausgebeten, die beſagter Friedrich
Lentner über Geſchicht' und merkwürdige Vorkommnis
auf Lebenberg aufgeſetzt und mit zierlichen Gemälden
30 ausſtaffieret hat. Und war mir rührend, drin zu erſehen,
wie auch in dieſen fernen Burgfrieden im Etſchland die
Wogen der Zeit mit vernehmlichem Rückſchlag ange—
brandet... und wie das Trinken der wackern Geſellen
da oben im Fahr 1840—4 ein harmloſes, 1847 ein von
1 Gemeinſame Wohn- und Arbeitsſtätte, wie ſie das Syſtem des fran—
zöſiſchen Sozialiſten Fourier (1772— 1837) für ſeine „Phalangen“ von je 400
Familien vorſah. — ² Pſalm 132, 1 (Luther: „Siehe, wie fein und lieblich
iſt es, daß Brüder einträchtig beieinander wohnen“).
Scheffel. IV. 30
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