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470 Siſteln.
wie denn auch die württembergiſchen Ulanen, die in ba⸗
diſchen Okkupationszeiten auf Beſuch oft hinüberritten,
jedesmal ihre vollkommene Zufriedenheit ausſprachen.
Alſo lande ich mit meinem langen Rheinſchiff und
heiſche Einlaß und Gaſtfreundſchaft... und war mein s5
Hauptaugenmerk auf den Rheinauer Schlaftrunk gerich⸗
tet, der ſeinerzeit auch dem Leutnant von Zeppelin als
eine ganz vernünftige Einrichtung erſchien. Beſagter
Schlaftrunk findet ſich nämlich in Geſtalt einer Maßflaſche,
gefüllt mit Ausleſe aus den Rebbergen, genannt zum 10
Korb!, auf des Gaſtes Kemenate vor.. Wer aber ein⸗
mal den Rebenſaft, der auf dem Korb gedeiht, mit Über-
legung gekoſtet, der vergißt ſein nicht wieder. Darum iſt
der Rheinauer VBeſperſchluck ein Wahrzeichen des Orts, —
wie der Tod zu Baſel, der Unnoth in Schaffhauſen und
der Kaplan mit dem roten Regenſchirm in Löfflingen bei
Neuſtadt. Item war der Empfang zu Rheinau, wie es
einem peregrinus honestus gebührt. und gab man
mir gar ein lieblich hohes Schlafzimmer in einem Erker⸗-
turm, vor deſſen Fenſtern der Rhein kräftig und ſtolz vor- 20
beiſtrömt, ſo daß mir eine Mondſcheinnacht mit Beihilfe
deſſen, was im Korb gedeiht, ein liebſam Ziel der Faͤhrt
erſchien. .
Hab' mich auch anſtändig betragen, mit dem Prälaten
getafelt, mit dem pater Ambrosius und meinem Kollegen 25
dem pater leodegari im Kloſtergarten einen tapferen
Rambo gekegelt und Spuren auf Heidelberger Muſeums-
bahn gemachter Studien zurückgelaſſen, hab' ſodann in der
unterirdiſchen Bibliothek eine gründliche topographiſche
Unterſuchung vorgenommen, und viel dortige Codices pro- 20
biert — aber nicht alle, denn es waren zweimal 40 Stück-
faſſer und die Gewalt des Siebenundfünfzigers eine große.
Wohlbemerkt, hochwirdigſter Engerer, damals wußte
keiner, wes Namens und Geiſtes ihr Gaſt. Bei der Abend·
tafel aber mußt' ich mich nach Geſchlecht, Herkunft und 28
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1 Val. Bd. 2 dieſer Ausgabe, S. 431.— ² Bgl. Bd. 2 dieſer Ausgabe,
S. 455. — ³⁹ Ein von Scheffel oft erwähntes Kegelſpiel.
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