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482 Zur Gestaltung des Textes.
verſchwanden, zu den Fenſtern eines anſtoßenden Saals glänzte der
See in tieffmaragoͤner Farbe herein. An einem Tiſch 29 mit einem
Capuciner und einem Zägersmann ihren Wein. Bei ihnen 31 alte
padrone d case, von dem das Schickſal der zwei jungen Männer für
34 halb lag Schlauheit, halb Wohlwollen auf 407, Die Zwei nehmen
2 und erbaten ſich einen 1 Wie der!s Inneren;? Alten rund her-
aus und ohne Umſchweif ihre Abſicht, ſich allhier auf dauernde Som⸗-
merszeit einzuniſten und nicht mehr zu weichen.
Ein ſolches Anſinnen aber war Giacomo Sommadoſſi dem Haus-
herrn noch nicht vorgekommen, denn wiewohl er in ſeinen weiten
Hallen Jedem, der durch das einſame Sarcathal zieht, einen Trunk
Weines und ein Stück Polenta verabreicht, ſo nimmt er doch keine
fremden Gäſte unter das Dach des Schloſſes, verſchließt vielmehr gegen
Abend ſorgfältig ſeine Thore, damit nicht unbekanntes Geſindel, die
einſame Wildnis der Gegend benutzend, ihm einen Streich ſpiele.
Und ob er zwar ijm Lauf eines vielgeprüften ſüdtiroliſchen Lebens,
als Adminiſtrator des Grafen Wolkenſtein, als Beſitzer großer eigener
Campagnen, als Inhaber eines Poſtſtalls, Aktionär bei der Omnibus-
geſellſchaft zwiſchen Trient und dem Gardaſee, Mitunternehmer beim
Bau der Sarcaſtraße, Eigentümer einer Sägmühle, Direktor der ans
Kaſtell angebauten Seidenſpinnerei uſw. ſich ein gut Stück Menſchen-
kenntnis erworben, war doch in ſeiner Pſychologie keine genügende
Stelle für die richtige Auffaſſung und Würdigung landfahrender deut-
ſcher Männer, die ohne Anfrage, ohne Empfehlung und ohne den
Schein eines vernünftigen Grundes ſich auf einſamen Kaſtellen der
Tridentiner Alpen einzuquartieren beabſichtigen.
Darum muſterte Sommadoſſi der Alte die beiden, ſprach das große
12 da glaubte bis pflegen fehlt 27 „Wir werden Euch keine Störung
ins Haus bringen“, ſprach der Altere der Beiden behufs näherer Auf⸗
klärung, siamo artisti.“ Da wandte Sommadoſſi der Alte ſein
Haupt. Artisti? ſprach er mit einer Bewegung, als wenn er nach einer
Mücke ſchnappen wollte, pittori?! akhkga. hm! khm! Es klang ſehr
bedenklich. Er fand nicht für gut, weitern Beſcheid] 20 Loggie. 21r
ein. Der vino santo war getrunken, ſchon kam der Vetturin ungedul-
dig herauf, 24 eine der jungen Männer wiederum, den padrone zu
ſuchen. Er 26 Nun, Signor Padrone, wie ſtehts mit unſerer Com—
bination? 29 Ringular? Warum? 30 „Mädchen im Haus — brummte
er, — junge Frauen im Haus — und pittori?!“ — Sommadoſſi
Dach zuſammen zu leben genötigt ſind. Ein ſchlimmes Gewicht lag
auf der Wagſchale ſeiner Entſcheidung. Darum begann der fremde
Gaſt, die Wichtigkeit der Situation erkennend, einen verſtärkten Sturm
auf des Zweifelnden Gemüt, und ſetzte ihm mit einer gewählten, faſt
capucinerartigen Beredſamkeit auseinander, daß die deutſchen Künſt-
ler und Fünglinge überhaupt die brävſten Leute der Welt ſeien und
keiner Mücke, geſchweige einem im Caſtell Toblino wohnenden Frauen-
zimmer, das geringſte Leid zuzufügen im Stande wären. Und ein
gut Glück wollte, daß juſt ein blaſſes dunkeläugiges Kind mit ſelt-
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