Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 483
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0483
Zur Gestaltung des Textes. 483

ſam ſchwermüthigem Blick durch den Saal ſchritt. Der deutſche Redner
aber hatte nicht umſonſt in der Schule gelernt, daß durch geſchickte
Benutzung unvorhergeſehener Ereigniſſe während der Rede deren
Wirkung in hinreißender Art verſtärkt wird, darum ergriff er des dun—
keläugigen Kindes Rechte, führte es zu Somadoſſi dem Alten, legte
ihm die Hand wohlwollend aufs Haupt und ſprach: „Und nun ſag du
ſelber, Angiolina, dem Großvater, ob wir hier bleiben oder wieder
fortgehen ſollen.“ Das Mädchen hieß zwar, wie ſich ſpäter heraus—
ſtellte, weder Angiolina, noch war Somadoſſi der Alte ſein Großvater,
es ſchaute aber bedachtſam an dem Fremdling hinauf und ſagte
ruhig: „Sie ſollen hier bleiben, die Signori!“
Da ſchien des Alten Herz zu erweichen, er ſprach vedremmo! Der
beabſichtigte Redecoup war gelungen.
Nach fünf Minuten ſah man, daß in der Vorhalle draußen von
Somadoſſi dem Alten und ſeinen Söhnen und Sohnesfrauen und
der geſammten weiblichen Schloßbevölkerung ein Kriegsrath gehalten
ward, hierauf wurden in einem großen Zimmer neben erwähntem
Saal eine Anzahl Kiſten mit gelber roher Seide, die offen herum
hing, verpackt, geſchloſſen und hinausgeſchafft — nach 10 Minuten
ſtand Reiſegepäck und ſonſtige fahrende Habe in dieſem großen Zim⸗
mer und die neu Angekommenen waren rechtmäßige Bewohner und
Inſaſſen des Caſtell Toblino, von welchem die neueſte „Statistica del
Trontino“ unter dem Buchſtaben T folgende nähere Auskunft ertheilt:
[usw. mit kleinen Abweichungen = 409,35 bis 410,23, dann folgen-
der Schluß:]
— ä— Und (um nun den Novellenſtyl abzubrechen und den viel⸗
verheißenden Eingang der Erzählung für irmmer ohne entſprechende
Fortſetzung zu laſſen) eine Reihe von Wochen ſind wir Beide Bewoh—
ner dieſes ſtillen, ſeitab von allen Menſchengewirnmel gelegenen See-
aſyls geblieben; es verdiente freilich eine nähere Schilderung, wie zwei
löbliche Meiſter freier Künſte, ein Maler und ein Poet, hier an wel-
ſcher Grenzmark, unter Menſchen fremder Zunge ihr Sommeridyll
nicht erſannen, ſondern erlebten. Denn die allgütige Frau Poeſia,
die zur Zeit in der Welt draußen, wo die Kriegsvölker aufeinander
ſchlagen und die Induſtrie der Maſchine mit goldenen Preiſen belohnt
wird, böſe Tage durchmachen muß, hat ihnen viel Schönes beſcheert
zum Dank dafür, daß ſie in fremdem Bergland getreulichen Sinnes
ihren Spuren nachzogen.
Wie viel wäre zu erzählen von dieſem ſeltſamen Leben und Trei⸗
ben: wie Meiſter Anſelmus der Maler mit Staffelei und Farbenkaſten
und großen Leinwanden auszog, um der Natur ihre ſchönſten Geheim⸗
niſſe zu entwenden, — wie er in der öden Felsſchlucht, die nach dem
Thal Fudicaria führt, ſich einem Waſſerfall gegenüber tief unten im
ausgeſpülten Keſſel des Sturzbachs ſein Atelier improviſirte und über⸗
ſchattet von Flieder und Feigenbuſch das ſtürzende Gewäſſer in Far⸗-
ben bannte; — wie er draußen im Sarcathal bei dem wilden Trüm⸗-
merſturz der Kalk- und Granitblöcke, die in zerſtörender Diluvialzeit
31*


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0483