Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 484
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0484
484 Zur Gestaltung des Textes.

hier als ſteinige Saat auf die Schutthügel verſtreut wurden, ſein Zelt
aufſchlug und, umlagert und angeſtaunt vom ländlichen Publikum aus
den Sütten, die zwiſchen die irrenden Blöcke eingeklebt ſind, unter
Gottes freiem Himmel ein mächtiges Landſchaftbild vollendete; wie
wir mit leichtem Nachen durch den ſchilfbewachſenen Abfluß fuhren,
der den Toblinoſee mit dem See von Cavedine verbindet, um Bild-
und Malgeräthe zum Caſtell zurückzurudern und von Gewitter und
Hagelſchlag auf offener See überfallen wurden, alſo daß die Frauen
im Caſtell zur Kirche rannten und die Glocke läuteten um Schutz und
Fürbitte der Madonna für die Sturmbedrängten...
Und komiſch würde es klingen, wenn ich aus der Schule ſchwatzen
und mein eigen Schickſal erzählen wollte: wie ich mir an unzugäng—
lichem Seeufer einen ſchattigen Winkel ausgeſucht, um in vormittägig
einſamer Meditation eine große Venetianer Geſchichte zu erſinnen;
wie ich redlich und ausdauernd hinüberruderte in dieſen Poetenwinkel,
mich von den prachtvollen Geſtalten titianiſcher Zeit umſchwärmen
zu laſſen, derweil ringsum keines Menſchen Fußtritt das Afer be—
rührte und nur blaue Libellen ſich auf den Binſen am Geſtade wieg-
ten, oder die Fiſche vergnüglich aus der Fluth aufſchnalzten..
Leider haben die ſchützenden Götter des Ortes nicht gewollt, daß
jener Winkel auf felſigem Vorſprung des Toblinoſee dereinſt mit der
Schule Homners auf Chios in Wettkampf treten ſollte, die Wildenten-
fänger von Calavin ſtahlen den Strohſtuhl, den ich dort aufgepflanzt,
indem ſie ihn zweifelsohne zweckdienlicher für ihren Entenſtand hiel⸗—
ten, als für den fremden Mann, von dem Niemand ſagen konnte, mit
welcher Gattung Fiſchfang oder Vogelſtellen er dort beſchäftigt ſei..
und wie ich dem zum Trotz mich im grünen Gras feſtſetzte, kam ein
großer Schmetterling geflogen, genannt Schwalbenſchwanz, der ſetzte
ſich auf meines leichten Tintenfäßchens Rand, ſchlürfte von der blauen
Tinte und warf zum Dank mit grobem Flügelſchlag das ſchiefſtehende
Geſchirrlein um.
Da entſchwebten die titianiſchen Geſtalten mit boshaftem Lachen;
Sanſovino verſchwand, Peter der Aretiner verſchwand, und er ſelber,
der Malerheldengreis mit der liebreizendſten aller Schülerinnen, die
je Pinſel und Palette gehandhabt, mit dem Traum meiner venetiani-
ſchen Nächte, der vielbeſungenen geiſtreichen Frene von Spielberg.
Alles verſchwand wie neckender Spuk der Nacht, der deutſche Poet
warf ſeine tinteübergoſſenen Blätter als Sühnopfer der unbekann⸗-
ten grollenden Götter in die Fluten und fuhr mit leerer Mappe, weh⸗
mütig ſeines Freundes zu Frankfurt gedenkend, heim über die lauen
Gewäſſer
Item, es war ſchön dort am Fuß der kalkigen und dolomitiſchen
tridentiner Alpen, wenn auch bei erſchlaffender Sommerhitze nicht
allzuviel dort geſchafft ward. Fetzt iſt von all der Pracht und Berg—
friſche dieſes italiſchen Sommers, vom Stilleben im Thal wie von den
gefährlichen Wanderungen und Ritten in unbekanntem Gebirg Nichts
übrig als eine Reihe farbenglänzender Studien in den Sammlungen


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