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von Embryonalanlagen durch Implantation artfremder Organisatoren. 605
Das Implantat ist also zu einem nicht unerheblichen Teile im Ekto-
clerm geblieben; dieser Teil hat sich stark in die Länge gestreckt, so
daß aus der runden weißen Scheibe, als welche es eingesetzt wurde,
ein langer schmaler Streifen geworden ist, der sich hinten um die Ur-
mundlippe herum nach innen schlägt. Bei diesen Form Veränderungen
mögen Zellverschiebungen in der umgebenden Epidermis eine Rolle
spielen; inwieweit solche stattfinden, müßte durch Einpflanzung einer
Marke aus indifferentem Material geprüft werden. Als solche ist ein
Stück aus der Gegend nahe über der oberen Urmundlippe schwerlich
zu betrachten. Es ist von früheren Experimenten her bekannt (Spe-
mann 1918, 1921), daß im hinteren Teile der Medullarplatte Zusammenschiebung
und Längsstreckung des Zellmateriales stattfindet. Es ist
nicht wahrscheinlich, daß die Zellen der Medullarplatte sich dabei rein
passiv verhalten; vielmehr werden sie die Tendenz zur Verschiebung
in sich selbst tragen, vielleicht zusammen mit anderen Charakteren
von dem sich unterlagernden Ento-Mesoderm aus induziert. Diese
Tendenz würde das Stück in der fremden Umgebung beibehalten. So
würde es sich auch erklären, daß es trotz seiner ursprünglich großen
Entfernung vom Urmund Anschluß an den Einstülpungsbereich der
normalen Urmundlippe gewinnt. Durch aktive Streckung einmal dort
angelangt, könnte es dann wenigstens zum Teil von den Zellverschiebungen
der Umgebung mitgeschleppt werden.
Während diese hintere Zellmasse mit dem oberflächlich gebliebenen
Zellstreifen im Zusammenhang steht, ist sie von der weiter vorn gelegenen
cmfofrfS-Zellplatte durch taeniatus-Islesoderm getrennt. Diese
vordere, das Medullarrohr unterlagernde Platte kann daher nicht durch
Einstülpung um die obere Urmundlippe herum an ihren Platz gelangt
sein, sie muß von Anfang an in der Tiefe gelegen haben. Sie stammt
zweifellos von der inneren Schicht des Implantates ab und lag daher
ursprünglich gerade unter den cristatus-ZeUen, welche jetzt teils zum
schmalen Streifen ausgezogen in der Medullarplatte sich finden, teils
um die Urmundlippe herum ins Innere gewandert sind. Von diesen
Verschiebungen ist sie selbst mitgenommen und so weit nach vorn gebracht
worden, daß ihr hinterer Rand ungefähr mit dem Vorderende
des cmtato-Zellstreifens im Medullarrohr abschneidet.
Während nun ein Stück präsumptive Medullarplatte, wenig weiter
vorn entnommen, innerhalb von präsumptiver Epidermis selbst zu
Epidermis geworden wäre, hat dieses Implantat den determinierenden
Einflüssen der Umgebung widerstanden und sich im wesentlichen seiner
Herkunft entsprechend weiter entwickel . Der ektodermale Teil ist
zu einem Bestandteil der Medullarplatte geworden, der ento-meso-
dermale hat sich darunter gelagert.
Aber nicht nur behauptet hat sich das Implantat, sondern es hat
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