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Unger, Erich
Politik und Metaphysik
Berlin, 1921
Seite: 5
(PDF, 13 MB)
Bibliographische Information
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Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



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die Voraussetzung ist. Das ist der Kommunismus und Anarchismus jeder
Schattierung. Kommunismus sieht wenigstens das Zeit-Problem sozialer Veränderungen
in der hier bejahten Überzeugung, daß Menschen nicht nötig haben, sich als
Objekt menschlichen Geschehens anzusehen, menschlichen Dingen wie naturhaften
gegenüberzustehen, gleichsam sich (wie man sein soll) dem — sich (wie man ist)
unterzuordnen — — er sieht den ethisch geforderten Status, den ganzen, und nicht
nur ein Stückchen seiner als augenblickliche Forderung an, d. h. er bezieht
eine eventuelle Ruhepause im Erreichen nicht schon im Vorhinein in sein
Programm ein, insofern er es garnicht erst auf einen Bruchteil, auf ein „Scherflein"
und eine „Annäherung" einstellt — —. Die annäherungsweise Erlangung eines
im Geiste „vorgesetzten" Zustandes ist das Erzeugnis einer nach her igen Anschauung
des Weges von der Absicht bis zu ihrer Konkretisierung: die rück-
schauende Betrachtung einer Linie, die zu einem erreichten Punkte führt, kann
Annäherungs-Abschnitte feststellen--aber die Absicht kann diese Annäherungs-
Punkte nicht wirklich einbeziehen, sonst stellt sie garnicht echt, sondern nur
scheinbar auf den Zielpunkt, in Wahrheit auf den ersten Zwischenpunkt ab. Bezieht
schon die Absicht oder der Wille die Ruhepausen zwischen den Etappen
in das Programm ein, so bejaht er mehr als zulässig die Widerstände der widerstrebenden
Materie, die auf alle Fälle zu verneinen seine einzige Aufgabe ist —
eine Verneinung, deren speziellen Modus zu finden die Aufgabe der Vernunft ist.
Das „Annäherungs"-Verfahren ist mithin eine Übertragung der historischen Denkweise
auf teleologische Verhältnisse. Rein ethisch ist im Verlaufe der rationalen
Geschichte nach der zuvor angenommenen Perspektive keine Annäherung an einen
ideengemäßen Zustand jemals zu konstatieren (das beweist allein die Tatsache,
daß es ein „vernünftiges" Geschichtsprinzip empirisch-wissenschaftlich d. h. anders
als in philosophischer Spekulation nicht gibt) — — rein causaliter sind nur
Annäherungen an irgendwelche mehr oder weniger willkürlich herausgehobenen
Geschichtssituationen festzustellen. Folglich streichen wir sowohl aus logischen
wie empirischen Gründen das Prinzip des Annäherungs-Verhaltens aus dieser
Einstellung.

Die hier nur als Resultat formulierte Erkenntnis der völligen Unbrauchbar-
keit aller tatsächlichen politischen Gebilde und Tendenzen für irgendeine unheillose
Ordnung, sofern sie von unpathetischer und realer Berechnung erwartet werden
kann, hat sich zuvor unter eben diesen Gebilden und Tendenzen umblicken müssen.
Sie hat vor allem feststellen müssen, daß jede sogenannte Partei das Stigma des
Unzulänglichen in eminenter Weise trägt. Schon deshalb, weil jede ein Bruchstück
von Richtigem enthält: — ein Bruchstück, das sich dennoch nicht mit den
anderen zur ganzen Wahrheit „zusammensetzen" läßt. Dieses „Zusammensetzen"
nämlich ist ja Ursache wieder einiger Parteien: der „vermittelnden" — — und
gerade diese zeigen in ganzer Schärfe die Unmöglichkeit, entgegengesetzte Prin-

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