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Unger, Erich
Politik und Metaphysik
Berlin, 1921
Seite: 6
(PDF, 13 MB)
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Varia

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zipien, wie auch immer, einander zu akkomodieren. Daher denn auch die extremsten
Ausdrücke der Parteiung, die ultra-konservative und die ultra-revolutionäre,
logisch genommen die diskutabelsten sind. Immerhin halten diese beiden Prinzipien
einander mit Recht die schwersten Fehler vor, die man nimmermehr dadurch
vermeidet, daß man, wie die »Mittel"-Partei jeder Art tut, beide Prinzipien dadurch
„eint", daß man beide — aufgibt. Sollte nämlich in der Tat die Wahrheit
darauf angewiesen sein, Entgegengesetztes zu vereinen, so könnte diese Vereinigung
niemals auf Kosten des Entgegengesetzten geschehen, vielmehr wäre sie wohl oder
übel genötigt, einen Ausdruck darzustellen, der zwar eine Einheit vorstellt, in
der aber das ehemals Entgegengesetzte jedes voll und ganz aufrecht erhalten
ist. Das dürfte, wenn auch nicht unlösbar, so doch schwieriger sein, als zu »vermitteln
«, indem man die zu vermittelnden Forderungen — fallen läßt oder was
dasselbe ist, sich nicht »festlegt". Vor die Aufgabe gestellt, zwischen der Bedingung,
ein Dreieck zu zeichnen und der entgegenstehenden Bedingung, gleichwohl eine

Figur, deren Winkelsumme größer als zwei rechte sei, zu zeichnen--der Aufgabe,

in dieser Alternative zu »vermitteln", entzieht man sich nicht, indem man ein Viereck
zeichnet, sondern man kann ihr nur gerecht werden, wenn man die ganze
Ebene der Planimetrie verläßt, und ein sphärisches Dreieck zeichnet. Dieses
»die ganze Ebene verlassen" hat, wie sich herausstellen wird, für jeden Fall scheinbar
unvereinbaren Widerstreits eine mehr als gleichnishafte Bedeutung.

Jede Parteideduktion enthält ein Gemenge von Richtigem und Falschem, je
nachdem, ob sie prinzipielle oder konkrete Gegebenheiten meint, wobei in antipodischen
Parteien Irrtümer oder Unterschlagungen faktisch schematisch überkreuz
zu ordnen sind. Ist etwa die Wert - Ungleichheit der Menschen eine kaum
bestrittene Tatsache und die aus ihr folgende Notwendigkeit des Gegliedertseins
von Menschen-Gesamtheiten eine schwer abweisbare Forderung, so wird
diese prinzipielle Forderung, deren Evidenz konservative Parteien für sich auszunutzen
pflegen, sofort zu einer Absurdität, wenn die konkrete Gliederung in
Augenschein genommen wird, die nach allen andern als Wert-Maßstäben vorgenommen
zu sein scheint, und deren gleichfalls evidente Unsinnigkeit von jeder
Art volksherrschaftlicher Bestrebung dazu mißbraucht wird, das Prinzip zu
leugnen und eine Gleichheit zu stabilieren, die zwar insofern wirklich ist, als
sie den konkreten Klassifizierungsstatus Lügen straft, außerhalb desselben aber
weder vorhanden noch ethisch legitimiert ist.

In Wahrheit aber löst sich alle Parteitheoretik, wenigstens was die gegenwärtigen
Kulturvölker angeht, für den auf moralische oder philophische Funda-
mentierung Ausgehenden auf in ein vorgeschobenes Gerede zur Stützung der
allein motivierenden wirtschaftlichen Interessen. »Die Wirtschaft" ist der bei
weitem umfangreichste und plausibelste Erklärungsgrund fast sämtlichen politischen
Verhaltens, der Schlüssel zu jeder Maßnahme jeder Partei, zu jeder Äußerung,

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