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Unger, Erich
Politik und Metaphysik
Berlin, 1921
Seite: 7
(PDF, 13 MB)
Bibliographische Information
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Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



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mag sie auch noch so abstrakt anheben. Mehr oder weniger offen auch parteitheoretisch
zugestanden, besteht das „wirtschaftliche Interesse" der Saturierten in
Verteidigung des Erreichten, der „Ordnung", Konservativismus, das der Enterbten
im Umstürzen des Bestehenden, revolutionärer Bewegung, das der Dazwischen-
stehenden in geringer Umänderung. Das Problem jeder Partei besteht bloß darin,
ihr Privatinteresse so allgemeingültig als irgend möglich zu formulieren,
gegebenenfalls sogar faktische Kompromisse zu schließen, an deren Ende jedoch
jedesmal die bestimmende Absicht einer bestimmten wirtschaftlichen Schicht steht.

Das wirtschaftliche Interesse ist mit einer solchen Wucht auf allen Wegen
moderner Politik entscheidend, daß der Feststellung kaum Widerspruch begegnen
wird: daß, unerachtet des Bestehens eines Komplexes nicht-wirtschaftlicher Beweggründe
, es doch die Ausnahme ist, wenn das wirtschaftliche Interesse nicht
die Richtung anweist.

Politik — das heißt heute irn wesentlichen: Wirtschaft. Wir wollen
nicht „den Geist" gegen „das Materielle" in dem Sinne ausspielen, daß wir „dem
Materialismus" die üblichen Vorwürfe machen und ihm gegenüber auf die ideellen
*Güter" des Lebens weisen und eine Rettung in einer „ Abkehr" vom Materiellen
und im „Geistigen" eine „Zuflucht" erblicken. Wir haben keineswegs die Absicht
, eine Alternative: Körper oder Geist aufzustellen. Wir wagen sogar die
Äußerung, daß wir kaum der Wichtigkeit, die dem Materiellen, mehr oder weniger
..übertragen": körperhaften Interesse der Menschen zuerkannt wird, Abbruch tun
wollen. Wir wollen nur feststellen, daß dieses Interesse nicht vertreten und nicht
wahrgenommen werden kann — — von ihm selbst. Wir wollen eine der Grundtendenz
heutiger Politik widersprechende und ihr ungeheuerlich erscheinende Umkehrung
zum Ausdruck bringen: als völlig selbstevident scheint heute zu gelten,
daß niemand anders als der Interessierte selbst sein Interesse wahrnehme. Wir
wollen dem die Möglichkeit entgegenstellen, daß der Interessierte selbst absolut
unzuständig sei, sein Interesse zu vertreten, wenn er sich inmitten eines Interessenchaos
befindet. Aber, wird man entgegenhalten, die Unzuständigkeit des Interessierten
selbst wird ja korrigiert durch das Gegen-Interesse, das, gleichviel
nach welchem Vertretungssystem, seinem Umfang entsprechend in die „Regierung"
gelangt — in der sich Interessen und Gegen-Interessen so „ausgleichen" müssen,
daß der objektiven Gerechtigkeit Genüge geschieht. Hierzu ist zu sagen: das,
was heute „Regierung" heißt, ist — selbst im gerechtesten Falle — der Schauplatz
des verkürzten Interessenkampfes und das verkürzte Bild der Machtquanten
, die im Staate unverkürzt toben. Woher sollte aus dieser bloßen
Verkürzung ein ethisches Moment gewonnen werden, d. h. wie sollte durch die
Umwandlung des direkten Widerstreites der Wirtschaftsschichten in den ihrer Vertreter
der Charakter des Kampfes beseitigt werden, in dem der Stärkere siegt,
der Schwächere unterliegt. Der Charakter des Kampfes soll garnicht beseitigt

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