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Unger, Erich
Politik und Metaphysik
Berlin, 1921
Seite: 18
(PDF, 13 MB)
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Gebilden werden, von denen Sterilität und Auflösung ausgeht. Um konkret zu
sein: eine so ungeheure Bedeutung das rein wirtschaftliche Interesse immerhin für
den Einzelnen haben mag, so gibt es dennoch auch für diesen Werte, hinter die
es, selbst bei krassestem Materialismus, zurücktritt. Das sind alle naturhaften
Momente im Dasein des Einzelnen (Anfang, Ende, Fortsetzung, naturhafte Bedrohung
u. s. f.), die ja sogar das Urmotiv auch seines wirtschaftlichen Interesses sind,
aber, wie bekannt, nur zu einem geringen Bruchteil durch dieses letztere zu
sichern sind. Diese naturhaften Momente aber sind im wesentlichen außerhalb
der Vielheits-Existenz, sie gehen den Einzelnen an. Sie gelten als gemeinschaftsgemäß
, d. i. als politisch irrelevante Fakta. Es gilt, daß „naturgesetzlich" die
Kausalreihe der Biologie und die der Soziologie nebeneinander nicht ineinander
laufen. Die soziologische Tendenz kann auf die biologische nur vermittels dieser
einwirken. Ließe sich nun dennoch ein nicht vermittelter Zusammenhang
aufdecken zwischen diesen naturhaften Gegebenheiten und der Vielheits-Tatsache,
so erhielte die letztere mit einem Schlage eine dringende Realität für den Einzelnen,
und aus einer bloßen „Vorstellung", die die Einzelnen zusammenfaßte, würde
plötzlich realiter und drastisch das, was jeder Nationalismus nur metaphorisch
meinen kann (und z.T. meinen muß, weil diejenige Vielheit, auf die er abzielt,
meistens als solche tot ist). Wird also die „Natur" von der Vielheit erfaßt, so
sind die Einzelnen einer solchen Vielheit in der Intensität ihres (z. B. wirtschaftlichen
) Gegeneinander eingeschränkt, aus körperhaftem Interesse in ihrem
Widerstreit von sich selbst aus begrenzt, weil die eigene physiologische Lebendigkeit
von einem Gesamtheitsmoment völlig unmetaphorisch mit bedingt ist.

Dieser Zusammenhang, der naturgemäß weder ein „reingeistiger"
noch ein bloß biologisch-kausaler sein kann (denn beide erfüllen die
angegebenen Bedingungen nicht) ist — existierend oder nicht, conditio
sine qua non und die einzige einer katastrophenlosen Ordnung. Denn
nur so kann niemals das körperhafte Interesse des Einzelnen bis zur Explosionsgefahr
gegen die Gesamtheit oder Teile von ihr gerichtet sein.

Die Frage eines solchen Zusammenhangs aber ist aller auf „Einzelsinnlichkeit"
abgestellten Wissenschaft unzugänglich. Es gilt im Ausmaß dieses Gedankenganges
nicht, das Bestehen dieser Verbindung evident zu machen, es gilt, das
Abhängigkeitsverhältnis aller soziologischen Fragestellung von dem Gegebensein
oder Nichtgegebensein jener Verbindung aufzuzeigen und methodologisch darzutun,
daß dieses Problem real ist, der Ausfall seiner Lösung alles entscheidet, und daß
seine umfänglichste Inangriffnahme und Fortführung Anfang und Zentrum aller
wirklichen Politik ist, daß alles übrige „politische" Tun letzten Endes und nicht
nur letzten Endes ein sinn- und erfolgloses Umherirren sein muß.

Dieses Problem ist nämlich nichts anderes als ein Ausdruck des
psychophysiologischen, und wir haben auch hier die Möglichkeit, aus einer

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