http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/unger1921/0024
Entscheidung der naturwissenschaftlichen Grenz-Aufgabe für ein die wirkliche Macht
der Überlegung einsetzendes politisches Beginnen gegeben.
Die historisch verstandene „Politik" beurteilt alles so, als ob es nur den
Einzelnen in n-facher Wiederholung gäbe, und übersieht, daß dieser Wiederholung
ein Sinn zukommen muß, demzufolge die Vielheit als solche eine ebenso
originäre Existenz-Geltung haben könnte als „Einzelheit". Vielheit ist nicht als
das bloß „geistige Band" der „allein realen" Einzelnen, sie ist selbst als Realität
zu verstehen, deren Sinn zu ermitteln ist. Soll nun nicht die logisch wie ethisch
gleich gefährliche Loslösung der Zweck- und Sinnhaftigkeit von der Frage der
Existenz stattfinden, wobei es für die Systematik, die eine transzendente Realität
einsetzt, nur darauf ankommt, nicht diese mit empirischer Realität zu vermengen,
denn diese ist für die Sinnfrage belanglos, jene entscheidend d. h. sollen
also nicht Beziehungen zwischen psychischen Einheiten ohne das Fundament einer
Wirklichkeit statuiert werden, so bleibt entweder die Dogmatik des entschiedenen
Materialismus, nach der der faktischen Vielheit einzig im quantitativen Verstände
ein Sinn zukommt, oder es gilt die nachstehende Möglichkeit:
Da Addition in geistigem Betracht nicht möglich ist, so kann, soll Vielheit
auf der Ebene der psychischen Realität überhaupt eine Bedeutung haben, unter
Ausschluß des oben Dargestellten die Existenz von Vielheit auf dieser Ebene
gleichfalls nur die Möglichkeit einer Steigerbarkeit bedeuten. Diese Intensivierung
kann aber nicht, wie durch physiologische Anhäufung, in die Breite gehen und
von der zahlenmäßigen Vervielfachung abhängen, sie kann, da Bewußtsein ein
prinzipielles „Innen" von unbegrenzter Ausschließlichkeit ist, nur in einer Erweiter-
barkeit dieses Innen Hegen, d. h. in einer Einbeziehung ursprünglich
fremder psychischer Faktoren in eine einzige Bewußtheit.
Alle philosophischen Fragwürdigkeiten, und nicht nur die philosophischen,
wie wir dartun wollen, laufen im psychophysiologischen Problem zusammen, das
quer durch jede beliebige Systematik, von der materialistischsten bis zur illusionistischen
, einen Riß durch das Denken treibt, den weder diese noch jene, noch
eine parallelistische Schematisierung zu heilen vermögen, und der sich der jeweiligen
Erklärungshypothese hartnäckig als die Beziehungslosigkeit aufdrängt, die zwischen
einer Begebenheit, deren Körperhaftigkeit zum mindesten ungreifbar ist, der
psychischen, und ihrem physischen Parallelvorgang oder - bei anderer Dogmatik
zwischen der Empfindung des Bewußtseins und der Empfindung der Ausdehnung
klafft (denn dadurch, daß ich beides subjektiv fasse und es etwa „Empfindungen"
oder ähnlich nenne, habe ich wieder den auseinanderstrebenden Inhalt solcher
Empfindungen keineswegs überbrückt).
Da nun in dem Umkreis der bekannten Bewußtheiten ein Zusammentreffen des
psychischen und des materiellen Moments noch nicht zu finden ist, so muß dies
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