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also der Behandelbarkeit eines Naturgegebenen, die Rede war. Naturgegeben
kann nämlich nicht notwendig unveränderlich bedeuten, am wenigsten dann, wenn
die Naturgegebenheit in sich so zwiespältig ist, daß sie das Vorhandensein eines
echten Problems zuläßt. Denn es ist nicht angängig, alles Problemhafte in uns
zu verlegen, gleich als ob diesem „Uns" noch ein zur Fehlerlosigkeit fähiges
Subjekt entspräche. Dies ist nicht immer der Fall, am wenigsten aber bei den
der „Unlösbarkeit" verdächtigen Problemen. Diese bedeuten einen Fehler in
„unserer Natur", von dem nicht gesagt ist, daß er nicht korrigierbar wäre: aber
ein anderes ist ein logischer oder verstandesmäßiger, ein anderes ein Sinnenfehler,
der wiederum nicht mit einer „Täuschung" zu verwechseln ist, sondern eine Begrenzung
der Sinnenhaftigkeit ausdrückt, der wir uns nur auf Grund einer anderen
überhaupt bewußt werden können: sodaß jede wahre Problem-Empfindung nur auf
Grund des Keimes einer anderen („erweiterten" oder wie immer) Sinnlichkeit überhaupt
erst zu begreifen ist.
Wir stehen vor folgenden Möglichkeiten:
Ist das psychophysiologische Problem lösbar, so gelingen im Prinzip
zwei Dinge:
Erstens: Das Bewußtsein bestimmter physiologischer Einzelindividuen ist
keine konstante Größe, sondern einer Modifizierbarkeit durch psychische Faktoren
einer Vielheit zugänglich, für die ein unmetaphorischer psychophysiologischer
Zusammenhang existent ist.
Zweitens: Mit eben dieser Potenzierung, deren materialreiche Technik Thema
eines ganzen Wissenschaftsbereichs ist, ist ein Vorrücken in der Erfahrbarkeit der
eigenen Materialität, d. i. des Körpers, nach der Richtung seines Zustandekommens
hin gegeben, d. h. ein Zusammentreffen und Ineinsrücken des Bewußtseins mit den
genetischen d. i. den konstruktiven Kräften des Organismus (die sonst weit außerhalb
des Bewußtseins lagen); das bedeutet aber nicht mehr und nicht weniger als
das Prinzip, sie'zu handhaben, als eine Verschiebung der Zugänglichkeitsgrenze
bis in vorher verschlossene Gebiete.
Hiermit hätten wir das Paradigma jener erweiterten Sinnenhaftigkeit, die
geistige Leistungen von momentaner Wirksamkeit einzusetzen hätte, deren politische
Relevanz wir nochmals in konkreto aufzuweisen haben.
Aller Fortgang der Philosophie liegt in einer gesteigerten Analysierbarkeit der
eigenen Materialität oder des Bewußtseins von ihr. Und wie die Exaktheit der
Mathematik und mit ihr die Gesetzlichkeit der ganzen physikalischen Welt aus
einem bestimmten Status unserer Sinnenhaftigkeit folgt, so ist, um zu einer
gesetzmäßigen Anschauung der soziologischen Welt zu gelangen, eine gesteigerte
Erfahrbarkeit der eigenen Materialität notwendig, weil nur in dieser oder, wenn
man will, in der „reinen Form" derselben alle Exaktheit beschlossen liegt.
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