Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., P 2848,r-1
Unger, Erich
Politik und Metaphysik
Berlin, 1921
Seite: 24
(PDF, 13 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/unger1921/0028
zendenter Verhältnisse (über diese physikalischen d. i. über die biologisch-einzel-
haft-eigenen Grenzen hinaus), buchstäblich metaphysischer Verhältnisse, zu denen
auch — so wenig man es bisher glauben mochte die soziologischen gehören.

Alles endlose Mißlingen des soziologischen Problems ruht darauf, daß man
es zu kurz fassen wollte und sich nicht in die gewaltige Unternehmung metaphysischer
Untersuchung, die allerdings nicht rein-spekulativ zu bewältigen ist, verstricken
wollte. Aber es gibt dennoch keinen anderen Ausweg.

Der Mensch ist diejenige Form, die in der Systematik der Ganzheit dabei
angekommen ist, daß er seine eigenen Verhältnisse nur universal regeln kann.
Darum ist Metaphysik für ihn kein an sich nicht lebensnotwendiger Luxus und
Überbau, es ist seine eigene, ihm typische und leben- und todentscheidend
unerläßliche Methode, mit sich und seinesgleichen auszukommen.

Das Tier ist fertig, der Mensch unfertig: er muß über die Gesamt-Problematik
hinweg, um sich auch nur mit sich und seinesgleichen einrichten zu können.

Ein vernunftgemäßer Ausdruck der Typenvielfalt der Tierwelt ist bisher verschlossen
. Zum Fressen und Zeugen und Dasein bedarf es ihrer nicht. Jedenfalls
aber können wir annehmen, daß der Sinn ihrer Existenz, welcher er auch
immer sein mag, einlinig und schwankungslos ist. Die Vieldeutigkeit und Mehr-
Linigkeit menschlicher Existenz aber kann nicht verstanden werden, wenn es nicht
Beziehungslinien aller Totalität sind, die in ihm zusammenlaufen. Er kann sich
nicht für eine einlineare Richtung entscheiden, ohne sich tierhaft zu verhalten,
der Struktur seiner Vielheit entgegenzuhandeln und sich, und seinesgleichen nicht
zur Ruhe kommen zu lassen.

Nicht als ob sein Wesen die bloße soziologische Ordnung wäre, aber selbst
diese ist außerhalb seines telos nicht zu erreichen.

Weil alles in ihm auf Gesamtheit abgestellt ist, so kommt er nicht aus, wenn
er dominierende Einzelbereiche für sich, abgesondert, regeln will, er kommt
materiell nicht aus, wenn er nicht diese Materialität in seine Gesamttendenz
einstellt, wenn er sie nicht an ihren Ort stellt, der ganz allein universal, d. i.
metaphysisch, zu bestimmen ist.

Somit ist Metaphysik nicht entlegene Theorie, sondern, sogar ob lösbar oder
nicht, der erste Schritt aller Praxis.

Freilich nicht eine Metaphysik der körperlosen Abstraktion, nicht eine vom
Körper abgelöste Spekulation, welche den Ausgangspunkt aller Philosophie, die
psycho-physiologische Verknüpftheit unter den Füßen verloren hat, nicht eine
entwurzelte Dogmatik, die direkt an makrokosmische Fragwürdigkeiten heranwill
, die allerdings so lange zu leeren Hülsen und unerfahrbaren Formeln werden
müssen, als der Weg zu ihrer Erfahrung außerhalb der Überlegung bleibt, als
die psychophysiologische Problematik nicht angegriffen, sondern dahingestellt
wird — — nicht all dies, sondern eine Transzendental-Wissenschaft, die, sich vor

24


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/unger1921/0028