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Unger, Erich
Politik und Metaphysik
Berlin, 1921
Seite: 26
(PDF, 13 MB)
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Varia

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Die Existenz einer solchen Einheit einer bestimmten empirischen
Vielheit ist das Grundelement und die Bedingung katastrophenloser
soziologischer Ordnung.

Die Realität der Gesamtheit ist keine in der „logischen Luft'- über den
Einzelnen schwebende, durch einen theoretischen Machtspruch zur „Realität"
ernannte Metapher, wie die Begriffsbildungen der Romantik er von „ Volksgeist"
und dergleichen, sondern die Realität der Gesamtheit ist eine Erscheinung am
Einzelnen, eine am Einzelnen empirisch und logisch aufzuzeigende Modifizierbarkeit
, ist die am Einzelnen empirisch auftretende und in ihm sich lokalisierende
, erscheinende Potenz einer Gesamtheitsgröße.

Diese Einheit, deren Realitätsindizien zur Erscheinung zu bringen sind und
die doch nicht nur in die Psyche (das wäre die metaphorische), sondern bis zu
deren Treffpunkt mit der Physis des Einzelnen reicht, kann verfallen, sich lösen
und aufhören, ohne diese Physis mitzureißen. „Letzten Endes", d. h. auf dem
Umweg über die soziologische Verheerung, reißt sie sie mit. Ja, diese
Generationen überdauernden Explosionen in den Völkern beweisen den vollständigen
Verfall solcher Einheiten. Was heute lebt, ist, was die sogenannten
Kulturvölker anlängt, in der Tat nur der Einzelne in n-facher Wiederholung, und
oberhalb seiner hat die reale Einheit so gut wie aufgehört zu existieren und an
ihre Stelle ist die metaphorische, die „historische", d. i. lebendig-tote, gefolgt, in
deren künstlichen Schranken und in deren erstorbenen Grenzen sich die Völker
in Krämpfen winden. Denn es ist etwas verloren gegangen, wovon vielleicht
das, was heute, in mediumistisch-umgedeutetem Treiben, „der Kreis" genannt
wird, eine schwächliche Vorstellung geben kann.

Stellen wir nun die wesentlichsten Konsequenzen einer solchen realen
Verbindung zusammen, so ergibt sich zunächst das Hervortreten einzelner empirischer
Individuen, nämlich derjenigen, in deren Bewußtheit intensiv eine Steigerung
zum Ausdruck kommt. Diese Steigerung aber ist keine rein-interne
Angelegenheit, wie etwa der gesteigerte Gesichtskreis der „Philosophen" bei
Piaton, welche deshalb nach ihm den „Staat" regieren sollen, solche Potenzierung
muß nach außen treten, weil sie, wie dargetan, eine gesteigerte Beherrschung
des psychophysiologischen Apparats bedeutet. Sie muß sich als eine — über die
bis dahin normalerweise vorhandene psychophysiologische Einwirkungsmöglichkeit
hinausliegende Fähigkeit der Handhabung körperlicher Phänomene äußern.

Ein solches Vorrücken im Bereiche der organischen Beziehungen bedeutet,
soweit der medizinische und naturwissenschaftliche Forschungskreis in Frage
steht, Selbst- und Endzweck.

In dem uns vorliegenden Felde soziologischer Problematik aber hat es die
nicht abzuschätzende Bedeutung einer Legitimation.

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