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Unger, Erich
Politik und Metaphysik
Berlin, 1921
Seite: 30
(PDF, 13 MB)
Bibliographische Information
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Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



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metaphysischen Nexus zwischen Körperhaftem und Geistigem notwendig an der
ersten Stelle stehen muß. „Ökonomie" aber heißt bestenfalls: Kompromiß von
Gegeneinander und jeder Appell an eine bloß-geistige oder historische oder
entlegen generative Einheit, um den Zwiespalt zu beschwören, muß wirkungslos
verhallen, wenn die reale Einheit, d. i. die Gemeinschaft der intensivsten theoretisch
-konkreten Interessiertheit, verloren gegangen ist.

Volk — das hieß einstmals, als Geistiges und Körperliches noch nicht auseinanderstrebten
: Stammesgesamtheit, denn in ihr lag das Seelische beschlossen.

Heute gibt es keine Völker.

Und was es geben wird, wird Stammes- und Problemgemeinschaft, Gemeinschaft
der dringendsten theoretisch-leibhaftigen Fragwürdigkeit sein.

II.

Es ist notwendig, die Luft der politischen Welt vollständig zu verändern. Es
liegen heute keine Möglichkeiten in ihr, und höchstens kristallisieren sich in
ihr geringfügige und mühsame Varianten des Vergangenen oder platte Umkehrungen
des Bestehenden (die zuletzt durchaus nichts anderes, sondern nur dessen
im Grunde identisches Negativ sind). Zum Bewußtsein dieser wahrhaft ungeheuren
, erstickenden Sterilität des soziologischen Bereichs kann indessen niemand
kommen, der nicht die Sphäre anderer Konstellationen gespürt hat.

Unfruchtbarkeit gehört nicht zur Wirklichkeit.

Die hiesigen Denker und Dichter haben entweder das Volk in eine furchtbare
Gedankenrichtung hineingedrängt, oder sie sind selbst der Ausdruck dieser
verheerenden Tendenz: daß nur im „Reiche des Gedankens" Reichtum, Buntheit
und Fülle zu erleben sei, daß das Gehirn „weit", die Realität aber „eng" sei, daß
der Geist und die Phantasie blühend, die Wirklichkeit nüchtern sei, weshalb man
aus dieser zu jenen „flüchtet". Letzten Endes hat das Kantische „Nein" zu aller
erfahrbaren Metaphysik einen geradezu ertötenden Erfolg für das ganz konkrete
Dasein gehabt — — oder es ist, wie angedeutet, selbst die Äußerung einer unerhörten
Möglichkeitsarmut im „Realen".

Daß die Welt einen unglaublichen Grad der Langeweile oder der tierischsten
Sensation (die sehr zusammenhängen) erreicht hat, liegt daran, daß sie von dem
realisierbaren und lohnenden Anschluß an die Möglichkeiten des Geistes abgeschnitten
wurde.

Der Erkenntnis Schranken setzen heißt nämlich dem konkreten Dasein das
Blut abschnüren und heißt bereits innerhalb des rein Theoretischen einem Triebe

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