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Unger, Erich
Politik und Metaphysik
Berlin, 1921
Seite: 31
(PDF, 13 MB)
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Varia

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Grenzen setzen, der sich schon darum nicht begrenzen läßt, weil er mit der Logik
schaffenden Fähigkeit selbst zu innerst identisch ist: dem Erkenntnis-Trieb. Hier
verlangt ein voluntarisches Element logische Ausdrückbarkeit und eine Legitimierung
als logische, nicht als voluntarische Größe: hier ist der Punkt, wo Trieb
und Syllogistik angewiesen sind übereinzukommen, nicht zu divergieren, wie sie
es gemäß dem Kantischen Votum tun müssen, das den Erkenntnis-Trieb
schweigen heißt. Hier ist der Grenzfall, wo die Nichtbefriedigung eines volun-
tarischen Erfordernisses einen logischen Fehler bedeuten muß, wo dieses
voluntarische Erfordernis gleichwohl logisch zufriedengestellt werden muß und
nicht durch irgend einen Machtspruch der Voluntas. Die umfangreichere voluntarische
Befriedigung bedeutet hier zugleich die größere logische Systematisier-
barkeit, und da Ödigkeit und Verdorrtheit des konkreten Daseins entweder die
Folge der verschlossenen Realisierbarkeit inhaltreicherer Möglichkeiten ist, die
vorerst nur „im Geiste" existieren, oder beides der Ausdruck der gleichen Unfruchtbarkeit
— — so ist die vielfältigere, an Auswegen, Mitteln und Möglichkeiten
reichere, mannigfaltigere rein voluntarisch befreiende, buntere, „angenehmere'*
Tendenz zugleich die theoretisch tiefer gegründete, die willensmäßig erwartete
zugleich die — logisch richtigere: die metaphysische Atmosphäre — die
jederzeit alles ermöglichende — — zugleich die exakter Überlegung und
Einstellung entstammende.

An den Anfang aller sozialproblematischen d. i. politischen Besinnung muß
daher unumgänglich zu der Einsicht gelangt werden: Alles ist möglich — Unmöglichkeit
in menschlichen Dingen ist Übersehen von Mitteln. Denn konkretes
Dasein und äußerste Theorie hängen sprunglos zusammen, und nur die Zerreißung
dieses Zusammenhangs schafft den Gegensatz zwischen beiden. Es gilt,
sich jederzeit bewußt zu halten, daß die entlegenste Forschung: erkenntnistheoretische
, transzendentale, grenzmathematische Untersuchung, daß gerade im Bereich
des von aller Konkretheit fernsten Gedankenfeldes der Umkehrungspunkt zur
rückläufigen Richtung und gerade dort der Aufhellungspunkt für die Konvulsionen
der Praxis liegt, wofern man nur die Linie, die von dort zur drastischen Welt
führt, an jeder Stelle ihres Laufes erkennt. Der Sinn aller Theorie ist Praxis
— und der Sinn aller Praxis Theorie, und wenn in diesem Weitauseinanderliegenden
die Einheit, die praktikable Identität nicht begriffen wird, müssen beide
steril bleiben.

Im Theoretischen liegen die Möglichkeiten und wenn es gelingt, die
pathologische Empirie anzuschließen, so gelten sie auch für diese.

Es steht nicht fest, was gegeben ist. Es gibt kein Gegebenes, keine Wirklichkeit
über der Theorie.

Wo die Theorie Nein sagt, ist die Realität in Frage gestellt. Denn Realität
ist eine Frage der „Zusammenfassung", eine Frage darüber, was zu einer Einheit

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