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Unger, Erich
Politik und Metaphysik
Berlin, 1921
Seite: 32
(PDF, 13 MB)
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Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



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gehört. Diese Zusammenfassung aber ist erst „objektiv", wenn die Theorie die
äußersten Punkte einer transzendenten Realität festgelegt hat und eine objektmäßige
Struktur im Subjektiven, kraft deren sie reale Einheiten zu bezeichnen
und von fiktiven zu unterscheiden vermag. Aus bloßem Dasein kann nichts
entscheidend ergeben, was Wirklichkeit werden wird und was nicht; nur dann,
wenn auf dies Dasein ein Begreifungstypus beziehbar ist, der aus einem wenn
auch vorerst transzendenten Legitimationsbereich stammt, nicht, wenn seine Einheit,
unter der es begriffen wird, einer empirischen oder noch nicht einmal empirisch
restlosen Systematik entstammt.

Man kann aber nicht denken: mag dort die umfänglicher systematisierte
Begriffseinheit sein hier ist dennoch das Faktische auf Seiten der vorläufigen
Schematisierungen und das Faktische ist doch wirklich, und das wirklichere
Zeichen existiert nur „im Geiste" wir sagen: man kann nicht so
denken. Denn jenes Unbekannte, X, das die Einheiten erfüllt, das Substrat der
Wirklichkeit, die Drastik als solche, ist beweisend für die jeweils tiefste Form der
Realität: das „Ideal", das nur im Geiste dem Faktischen gegenüber verbleibt, und
dies nicht logisch und also empirisch notwendig herbeizieht, wie die tiefere Ebene
das Wasser aus der flacheren ist das Trugbild eines „Ideals" oder sein Schatten.
Wo Drastik ist, da ist die jeweils gegründetste Form des Wirklichen, und wenn
sie noch so verneinenswert ist. Denn entweder gelingt der tieferen Systematisierung
der Experimentalbeweis oder sie ist keine.

Und dennoch ist die Faktizität nicht entscheidend für Realität.

Dennoch ist mancherlei da, was nicht real ist — — weil das Kriterium der
Wirklichkeit nicht aus der Oberflächen-Optik kommt, in der willkürliche Einheiten
auftreten, die als wirklich gelten, weil sie materiell abgrenzbar sind, indessen die
Grenzführung echter Wirklichkeit nicht nur von den Linien der Materialität, sondern
von denen aller Elemente der Welt gezeichnet werden muß. Denn Realität heißt
letzten Endes: „standhalten", und das Wachsein ist nur darum „realer" als der
Traum, weil es den Kriterien nach mehr Elementen standhält als dieser.

Das Experiment muß dieser Perspektive rechtgeben: die leere Realität muß
vor der erfüllteren zusammenbrechen.

Es gibt vielerlei „Zusammenfassungen", aber wie tief sie an Objektität, an
Realität teilhaben, das erweist sich erst, wenn eine tiefer gegründete Wirklichkeit
sich neben ihnen bildet, — vor der sie erscheinen, wie ein Bild aus drei Farben
gegen eins aus sieben.

Vor den Kriterien der Wirklichkeit aber muß sich alles bloß „Vorhandene"
ausweisen und vordem ist nichts gegeben und alles möglich.

Das Bewußtsein, daß die Hauptmasse des „Bestehenden" nicht real ist, ist
selbst ein realitätschaffender und zerstörender Faktor — eine vorerst rein psychische
Einstellung, der erste Schritt in eine intensivere Wirklichkeit.

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