Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., P 2848,r-1
Unger, Erich
Politik und Metaphysik
Berlin, 1921
Seite: 33
(PDF, 13 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/unger1921/0037
Das Primäre ist darum nicht das Angefülltsein der soziologischen Welt mit Bestehendem
und das Sekundäre, das von diesem »Freigelassene", der „Rest", das
noch Mögliche, sondern umgekehrt ist eben dies noch Leere das bei weitem Umfänglichere
und nur sehr weniges darf sich als wirklich bezeichnen und eine
Richtung zu weisen beanspruchen. Denn das den Raum wegnehmende Bestehende
als das ewige Hemmnis verdankt seine Konsistenz vorerst einem rein Psychischen:
seiner Geltung als Wirklichkeit. Fällt diese Anerkennung, so ist die Atmosphäre
gereinigt und die Welt realiter ebenso weit wie das »Gehirn".

Hier sollen die praktischen Situationen und Forderungen wie sie sich,
gesehen in dem Medium dieser metaphysischen Atmosphäre, darstellen, angegeben
werden: die soziologische Welt ist erfüllt mit unwirklichen Vorhandenheiten. Das
sind, — wofür oben die wesentlichsten theoretischen Momente angeführt wurden, —
die meisten der großen Zusammenfassungen generativer Gesamtheiten, die wir
unter dem Namen der einzelnen Nationen kennen.

Ein von Grund aus anhebendes Einsehen und Eingreifen in die soziologische
Wirklichkeit — und nur ein solches hat auch nur die Aussicht, über die Ebene
des ewigen politischen Zusammenbrechens einmal hinauszugelangen — kann
vorerst alle diese Zusammenfassungen nicht anerkennen.

Wohl beachtet: können unter solcher Perspektive nur diese nicht anerkannt
werden, nicht etwa zu Gunsten einer Streichung von nationsähnlichen Einheiten
überhaupt und nicht zu Gunsten einer Atomisierung der Völker in die »allein
realen Einzelnen".

Das, was es an Gegebenheiten gibt, die sich den Namen „Volk" beilegen,
kann nicht anerkannt werden.

Denn es hat - im Großen gesehen — für sich selbst kein unmetaphorisches
Leben mehr, sondern wird nur noch »gedacht".

Es ist möglich (in geringem Ausmaß sogar wahrscheinlich), daß innerhalb
einer oder der anderen dieser historischen Einheiten, die England, Frankreich,
Rußland, Deutschland, Italien, Tschechien, Irland oder wie immer heißen, noch
Elemente einer echteren Einheit sich finden, aber diese würden nicht in eine der
Hüllen passen, wie sie heute um die Überbleibsel der einstigen lebendigen
Urgebilde aller dieser Größen — schlottern.

Das erst gilt es sich vor allem anderen bewußt zu machen: daß diese ungeheuerlichen
, die ganze Welt ausfüllenden, überall entscheidenden Größen trotz
aller Konkretheit ihrer Äußerungen, trotz fühlbarster Drastik ihrer Einrichtungen,
trotzdem von ihnen Tod und Erhaltung ausgeht, — — daß diese allgegenwärtigen
Gebilde eine Seite der Scheinbarkeit aufweisen, nicht etwa zu Gunsten der
realen physiologischen Einzelperson — was oft gesehen wurde — sondern
gerade zu Gunsten einer Realität ihrer eigenen Gattung. (Nicht nur
diesseits der »Fiktion", die die Einzelnen zusammenfaßt, liegt eine Realität —

33


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/unger1921/0037