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eben diese physiologischen Einzelnen — sondern auch jenseits der Fiktion beginnt
wieder eine Realität: nämlich die echte d. i. am bestimmten Individuum sichtbar
werdende Zusammenfassung der Einzelnen). Das heißt: diese gegenwärtigen
politischen Größen sind durchdringlich, nicht, wie oft kindisch gewähnt wurde,
von der Realität der Einzelnen, körperhaften Personen, der „Menschen", um
„derentwillen schließlieh doch alles da sei", diese Größen sind durchdringlich
für eine Realität ihrer eigenen Gattung, vor der allein sie ihre Unwirklichkeit
d. i. ihre Bestandlosigkeit und gleichzeitig ihre konkrete Angreitbarkeit enthüllen
müssen, wofern es nicht, was unwahrscheinlich ist, in einem oder dem anderen
Falle gelingen sollte, in ihnen Elemente von gleicher Konsistenz aufzuweisen.
Für den physiologischen Einzelnen ist die Welt vermauert und verschlossen,
er ist ausweglos einer gefährlichen Irrealität ausgeliefert, für die Körperlichkeit einer
metaphysischen Einheit ist die Welt leer, und alle diese kolossalischen Hemmnisse
sind von geringerer Dichte.
Es gilt also einzusehen, daß es nicht hotwendig ist, daß das Gegebene
die Richtung der „Entwicklung" des Geschehens weist, sondern daß für gewisse
Realitäien die Welt frei steht — und das Bewußtsein dieser Situation ist selbst ein
objektives, produzierendes Element und erzeugt zunächst das, was wir die metaphysische
Atmosphäre nannten.
Diese für den Raum des soziologischen Ablaufs geltende Modifizierbarkeit
führt zugleich eine die Zeit-Empfindung betreffende Umschaltung herbei. Wenn
nämlich der Bereich dieses Ablaufs frei wird von den überall vorhandenen starren
politischen Gebilden, die ständig das Minimum eines noch übrigen Platzes für
etwaige Veränderungen übriglassen und bestimmen — — wenn diese dauernde
Unmöglichkeitsperspektive aufgehoben wird, so tritt gleichzeitig an die Stelle einer
unendlich langsamen, den Blick ständig auf kommende und ferne Generationen
gerichteten Progression das augenblickliche, d. h. längstens eine Generation
umfassende Zeitmaß für endgültige politische Ziele: denn diese werden ja möglich.
Es tritt das Zeitmaß der Einzelperson in Verbindung (nicht, wie jetzt, mit Teilen)
sondern mit dem Ganzen äußerster soziologischer Erfordernisse. Denn es wäre
absurd, wenn die Möglichkeit endgültiger Erfüllungen in den Gesichtskreis tritt,
lediglich sozusagen wegen der Größe des Ziels die Erreichung zu vertagen.
„Ideal" und „Zukunft" sind gegenwärtig so innig verknotete Assoziationen geworden,
daß „Ideal" in der .,Gegenwart" vorzustellen gegen alle Denkgewohnheit geht.
Und doch ist das nicht nur die Voraussetzung allen nur halbwegs ernst zu nehmenden
soziologischen Vorgehens, es ist nicht nur die eigentliche, ursprüngliche, naivselbstverständliche
Einstellung — — so wie jemand bei Einrichtung seines Einzeldaseins
doch auf dessen Dauer und allenfalls die der Nachfahren, die er erlebt,
abstellt, andernfalls aus einem direkten und lebensvollen Motiv ein begriffliches,
schales und übertragenes würde — es bietet zugleich das Kriterium: alle politischen
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