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Unger, Erich
Politik und Metaphysik
Berlin, 1921
Seite: 35
(PDF, 13 MB)
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Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



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Unternehmungen abzulehnen, die nicht mit bestimmten, aus der Dauer eines Einzellebens
entnommenen Zeitmaßen und deren Garantien operieren, analog den Ueber-
legungen jemandes, der von einem Endziel, das er in einem bestimmten Zeitpunkt
seines Daseins setzt, den Fortgang veranschlagt.

Hieran sind insbesondere alle Parteien zu erkennen, die ständig für irgend
etwas „kämpfen" und bis zu jeder beliebigen Majorität anschwellen können, ohne
daß sich das Bild der Außenwelt in wesentlichen Zügen ändert, weil sie zwar
zuweilen ein Ziel angeben, aber nicht den Zeitpunkt dieses Ziels, der ad libitum
zu vertagen ist — — indessen als untrügliches Kennzeichen gelten sollte, daß jede
Programmatik in dem Moment als widerlegt gelten kann, in dem evident
wird, daß sie nach den gemachten Anfängen in ihrer Generation nicht zu
erfüllen ist.

Jahrzehntelang werden die Anhänger sämtlicher Parteien mit irgendwelchen
Fortschritten genarrt, die in ihrer Wesentlichkeit für ein Einzeldasein und für den
Einzelnen lächerlich sind, und die Veränderungen, die über dieses Nichts hinwegtäuschen
, sind die unwirklichen Variationen in den parteipolitischen Konfigurationen,
die für den Einzelnen schon insofern total irrelevant sind, als ihnen jeder Endgültigkeitscharakter
fehlt.

Die metaphysische Perspektive also enthält zwei Wahrnehmungen:

Erstens: Das Wesentliche soziologischer Wünsch bar k ei ten ist möglich.

Zweitens: Es ist sofort möglich.

Hiernach erst tritt die aus der Struktur der theoretischen Einleitung folgende
Ueberlegung nach konkreten Gestaltungen auf.

Nationalismus und Internationalismus haben in gleicher Weise recht und
unrecht. Im Vorhinein steht bei jedem uralten Streit zu erwarten, daß in dem
Streitgegenstand etwas Phantomartiges vorhanden sein muß, das ihn scheinen
läßt, was er nicht ist — anderenfalls sofort und eindeutig zu erkennen sein muß,
ob er bejahens- oder verneinungswürdig ist. Der Streit der Bewegungen um „die
Nation" ist eine Antinomie, die sich dadurch auflöst, daß das Streitobjekt, „die
Nation", seines Doppelgesichts beraubt wird, das aus einem empirischen und einem
ideenmäßigen besteht, und daß an die Stelle dieser Doppeltheit die reale Zusammengefaßtheit
gesetzt wird, von der aus gesehen Nationalismus und Internationalismus
einen zwar reziproken aber genau gleichen Wahrheits- und Irrtumsgehalt aufweisen.

Der Internationalismus verneint die empirischen Nationen: das ist richtig; aber
er verneint die Nation überhaupt: das ist falsch.

Der Nationalismus bejaht die Nation überhaupt: das ist richtig; aber er bejaht
auch die empirische: das ist falsch.

Der absolut zu bejahende, d. i. metaphysische Begriff der Nation bejaht das
Prinzip der Nation überhaupt: sofern wirkt er national; und verneint die empirischen :
sofern wirkt er international.

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