http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/unger1921/0040
Wenn es keine Völker gäbe, so müßten welche geschaffen werden. Nun
aber gibt es keine Völker.
Was könnte also überhaupt geschehen?
Hier muß einen Augenblick eine Vergegenwärtigung des prinzipiellen Kausalvorganges
der Wesenheit „Volk" stattfinden: und unter den möglichen Annahmen
über diesen Prozeß die Auswahl getroffen werden.
Es gibt zwei denkbare Vorstellungen über die biologisch-kausalen Antecedentien
eines „Volkes": die eine Vorstellung läßt in der Biogenese eines Volkes keinen
prinzipiell anderen Vorgang sehen als in der Genese eines physiologischen Einzelindividuums
. Danach gibt es eine Biogenese des Volkes als solchen überhaupt
nicht, sondern jedes Einzelindividuum kann bei Erfüllung der physiologischen
Fortpflanzungsbedingungen sich zum „Volke" vermehren: jedes Individuum hat
potentiell die Eigenschaft des „Stammvaters". „Volk" ist die lediglich begriffliche
Zusammenfassung dieser vielen Einzelnen. Die andere Vorstellung läßt eine zunehmende
qualitative biologische Veränderung in denjenigen Individuen erblicken,
die sich in der aufsteigenden Linie befinden, insofern nur diesen proportional
der zunehmenden Aszendenz das Attribut des Stammindividuums nicht nur wegen
ihrer zeitlichen Stellung, sondern auch als biologische Qualifikation zukommt —
bis zum letzten Einzelnen der Aszendentenreihe, der nicht nur historisch, sondern
eben auch biologisch „der Stammvater" ist.
Es ist unschwer einzusehen, daß die erste Anschauung einen Primat des
Körpers bedeutet, sofern es nämlich lediglich von dem Zeugungswillen und den
accidentiellen Bedingungen dazu abhängt, eine beliebige Anzahl von Individuen
zu kausieren, während jede Begrenzung dieser Möglichkeit eben die qualitative
biologische Andersheit bedeutet, die das aszendente Individuum vcn den deszen-
denten scheidet.
Wir legen die zweite Anschauung zu Grunde.
Diese Begrenzung bedeutet die Grenze des Volksumfanges, das vorher
bestimmte, präformierte Volk, und zu ihrem Zustandekommen muß ein psychisches
Element herangezogen werden: wenn nicht das Psychische lediglich die Wirkung
der materiellen Vermehrung sein soll, (sodaß so viel Personalitäten zur Verfügung
zu stehen hätten als eben Körper erzeugt werden,) so muß das psychische Element
als von Anbeginn für den Umfang der möglichen Vervielfachung mitbestimmend
gedacht werden. Die biologische Eigenschaft, die das „Stammindividuum"
heraushebt, ist nun das Verhältnis seines Körpers zu eben der psychischen Größe,
die den Umfang der möglichen Vervielfachung mitbestimmt.
Diese Beziehung bedeutet also zugleich eine bestimmte psychische Wertigkeit
in Bezug auf die Stellung im Deszendenz-System. Der Begriff
» Stammindividuum" hat nicht nur einen biologischen, sondern auch einen psychischen
Inhalt. Er bedeutet eine ganz besondere psychische Struktur, die aber in Hinstich
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