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beide auseinandertreten, das Materielle eine extreme Außenheit und das Geistige
eine extreme Bewußtheit annehmen, in eben dem Maße verliert sich die relative
Kürze der Verbindung zwischen geistiger und körperlicher Wesenheit.
Damit ist jener typisch und ewig gegenwärtige Zustand gegeben, in dem
das Bewußtsein, von der Fühlungnahme mit der Welt des Körperlichen abgeschnitten
, auf sich selbst angewiesen ist und aus sich selbst die tausend Auswegs-
Systeme hervorbringt, denen allen die Irrealität d. i. die Unkörperlichkeit anhaftet.
Diese Berührungslosigkeit der beiden Pole der Wirklichkeit bedeutet Sterilität und
Chaos. Die Ebene des Körperhaften ist verschlossen und von ihr aus ist also
nichts zu entnehmen, was dennoch die Probleme des leibhaftigen Daseins auflösen
könnte. Was ehedem der Geist leistete in dichtem Anschluß an die körperhafte
Gegebenheit und ähnlich schwankungslos wie diese, das verfiel mit diesem
Zusammenhang. Die Bewußtheit zerstörte diesen Zusammenhang, denn sie erweiterte
maßlos die Distanz zu allem Physischen. Diese chaotische Konstellation
ist die ewige Gegenwart: allen geistigen Strebungen und Mitteln entspricht kein
Körperliches.
Die „rein geistigen" Vorschläge, Ideen dieser Epoche entstammen dem
richtigen Instinkt, daß auf dem Wege über die entlegenste Bewußtheit zur Lösung
zu gelangen sei, aber sie wagen sich nicht weit genug in diese Entlegenheit
hinein, weil sie sich allzuweit von den „Tatsachen" zu entfernen fürchten und
nicht vermuten, daß nicht nur diesseits sondern auch jenseits des Bloß-
Geistigen die Körperlichkeit beginnt d. I, daß der Geist noch auf eine andere
Weise mit der Materialität zusammenzutreffen vermag als auf die dem Bewußtsein
entzogene oder veräußerlichte. Die weitest getriebene Bewußtheit trifft wieder
auf den Körper, nicht mehr nur auf dessen empirische, sondern auf dessen ehedem
vor-empirische Seite.
Dort liegen die Handhaben, den zerrissenen Nexus zwischen materieller und
psychischer Welt wiederzuknüpfen und die, ewige Unfruchtbarkeit mit sich führende,
Diskrepanz zwischen teleologischem und physiologischem Verhalten zu indifferenzieren.
Das Schema zeigt die umgekehrte Sachlage als „im Anbeginn":
Vormals: die Physis bringt das geistige Telos mit sich. Ein biologischer
Tatbestand verbürgt einen geistigen.
Danach: die Physis und das geistige Telos differieren. Geist und Materie
entarten zu beziehungslosen pathologischen Selbständigkeiten.
Sodann: das Telos wird zu einem konstruktiven Element einer bis dahin
prinzipiell nicht gekannten Physis. Ein geistiger Tatbestand verbürgt einen
biologischen.
Das alte Volk ward mit seinem Programm geboren.
Ein künftiges Volk kann auf Grund einer geistigen Realität gegründet
werden in einer Weise, daß die physiologischen Kriterien einer solchen Einheit,
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