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Pol entgegengestellt werden, weil allein die antipodisch restlose Umschreibung
der Realität überhaupt erst Deutung und Wertung alles Übrigen, Vor-endgültigen
gestattet.
Die reale Einheit nimmt ihren Ausgang von „Oberhalb des Bestehenden",
von einem bestimmten Grad geistiger Spannung und ihr Anfang sieht völlig anders
aus als „Politik".
Sie mußte aber vorerst gezeichnet werden, weil sie den Typus abgibt für
eine Struktur, die auch das „Bestehende" erfassen kann, vorausgesetzt, daß
Kräfte da sind, die einer anderen Form bedürfen.
Was ist nun das soziologisch „Bestehende"?
Es ist alles unter Ausschaltung des teleologischen Bewußtseins Gewordene,
aber es ist zugleich Reservoir und Material auch der echten d. i. unter Mitwirkung
dieses teleologischen Bewußtseins zustande kommenden Realität. Da aber die
Tendenz des teleologischen Bewußtseins in den Situationen des „Anbeginns", der
Urzeit, von der „Natur" d. h. in einer unwillkürlichen Form gewahrt ist, so
laufen, zwischen der Epoche des „Anfangs" und einer vom teleologischen
Bewußtsein zu bewirkenden zukünftigen, Verbindungslinien, die nur durch die
»Gegenwart" verwirrt und, wenn auch nicht unterbrochen, so doch teilweise
unsichtig gemacht werden — weil wir, im Gegensatz zu den realen Einheiten des
Ehemaligen und Kommenden im Gegenwärtigen den Abschnitt der illusionären
soziologischen Zusammenfassungen durchlaufen, die dem Chaos in der psycho-
physischen Beziehung entstammen.
Aber diese illusionären Einheiten werden irgendwelche Elemente der einstigen
realen enthalten und auf Grund der Geltung alles „Beginnenden" für das Teleologische
werden auch diese Schein-Gesamtheiten des „Bestehenden", soweit sie
noch von der primären Realität bruchstückhaft einen — vornehmlich genealogischen
— Anteil haben, wesentlich für die zukünftig zu erreichenden Kristallisationen
existenter Volkseinheiten — — werden gerade gewisse von einst unversehrt vererbten
Elemente in den im übrigen nur begrifflichen Vielheitsgrößen, „Staaten",
auf die Gestaltungen der kommenden Zusammenfassungen ansprechen.
Wie stark nun überhaupt in dem sogenannten Bestehenden, den Einheiten
der soziologischen Welt, umfassenderen und untergeordneten, Verwandlungsmächte
vorhanden sind, läßt sich so lange nicht mit Sicherheit entscheiden, solange die
logische, reale Möglichkeit einer anderen Bildung als der bestehenden nicht gegeben
ist. Denn blind kann so wenig ein Schritt gemacht werden, als Erfahrung
ohne die Voraussetzungen, die sie ermöglichen. Es können die stärksten Ände-
rungs-Gewalten vorhanden sein, aber sie sind genötigt, einander aufzuheben,
wenn sich nicht ein Gefäß öffnet, ihre Wirkung aufzufangen.
Alle erdachten Ordnungen aber, ob kapitalistische oder kommunistische,
sind Schein-Gefäße, denn sie verkürzen eine Seite des Existierenden und lassen
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