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Unger, Erich
Politik und Metaphysik
Berlin, 1921
Seite: 43
(PDF, 13 MB)
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Varia

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nicht zur Zerreißung des Ganzen, sondern nur deshalb, weil sie einander entgegenwirken
und sich paralysieren, wobei der Staat nicht etwa die Rolle des stärksten
Dritten, sondern nur die des bewußten oder tatsächlichen Kraft-Wenders spielt.
Solche Zwischen-Erscheinungen zwischen realer und illusionärer Einheit sind
gegeben, sobald die Bin lungs-Energie von Teil-Gesamtheiten eine zentrifugale
Tendenz annimmt d. i. stärker wird als die Bewertung der Staats-Ganzheit, weil
in der Teil-Gesamtheit ein größeres Deckungs-Verhältnis von Einzelnem und Ganzheit
auftritt und eben damit diese untergeordnetere Zusammenfassung „wirklicher" wird.

Insofern sind gewisse Parteien „wirklicher" als der ihnen übergeordnete „Staat",
und eine Politik, die „Realität" zum Richtungspunkt hat, wird hier vor der Möglichkeit
einer faktischen Scheidung, sofern sie bestünde, keineswegs zurückschrecken.

Wo die Ansätze oder Keime wirklicherer Gebilde sich zeigen, die in anderen
Gruppierungen oder Zusammenschließungen zu erkennen sind, sich um wirtschaftliche
, abstammungsmäßige, religiöse oder andere Bindungszentren
gebildet haben: Klassen und Parteien — da hätte ihnen die von teleologischer
Einstellung gelenkte Überlegung bedenkenlos die Entscheidungsfrage zu stellen:

Ob solche Zusammenschlüsse, mit denen die Struktur ihrer historisch übergeordneten
staatlichen Einheit unvereinbar widerstreitet, die Intensität und den
Inhaltsreichtum zur eigenen Lebendigkeit in sich tragen und demzufolge aus der
alten Einheit auch formenmäßig heraustreten wollen oder nicht.

Generationen währendes Parteigezänk müßte mit dem Auftreten dieser Möglichkeit
verstummen und alles bloß taktische Manövrieren gegeneinander mit einem
Schlage seinen übrigbleibenden wahren Absichts-Kern enthüllen:

Die meisten der innerstaatlichen oder querstaatlichen Bindungen würden sich
vor solcher Alternative als unfähig zur eigenen Existenz bekennen müssen.

Sollte aber einmal diese Frage bejaht werden können: etwa von der zum alten
Staat am stärksten zentrifugalen, wirtschaftlichen Schicht, dem „vierten Stand",
der für sich eine neue Wirtschaftsordnung erfunden zu haben glaubt, sollte eine
solche ganze Klasse in sich eine Kraft des Eigenlebens wahrnehmen, so hätte die
metaphysische Perspektive den Blick auf etwas zu lenken, das seit langen Zeiten —
von geringen, intensitätlosen und aufs Kasuelle gerichteten Gedanken abgesehen —
aus dem Gesichtskreis der weltpolitischen Ueberlegung geraten ist:

Die Wanderung von Völkern und Gesamtheiten als Ganzes.

Wohl tauchte gelegentlich die „Abwanderung" von mehr oder weniger zahlreichen
Einzelnen, die in eine andere Volksgesamtheit eindringen, als „Ausweg"
vor „Übervölkerung" auf — aber kaum ward in neuerer Zeit je ernsthaft ein Unternehmen
zu entwerfen versucht, des gleichzeitigen, Millionen umfassenden Sichin
-Bewegung-Setzens ganzer Volksschichten, eine regelrechte Völkerwanderung
mit dem Ziel einer neuen territorialen Einheit als Lösungsmittel
anders nicht lösbarer Verkrampfungen.

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