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Gewinnung der Principien zur Konstituierung einer wirklichen (d. i.
als Volk wirklichen, nicht als Einzelnen-Begriffs-Gesamtheit existierenden) Zusammengefaßtheit
, welche Principien identisch sein werden mit bestimmten
psychischen Ausdrücken, die im Zentrum dieses oder jenes realen „Volkes"
gestanden haben oder stehen — — und in die andere: die der Sichtung der
materiellen, psychophysiologischen Konsequenzen und Erscheinungsformen
der realen Einheit. Zwei sehr umfangreiche Arsenale sind zu
erschöpfen:
Was das sogenannte „Kultur-Volk" angeht, so gibt es Fälle der realen
Einheit nur in der alten Zeit (und nur unter dieser Perspektive wird es gelingen
zu den ebenso provozierenden wie uneinreihbaren Gegebenheiten der „mythologischen
Geschichte" überhaupt eine andere als die hilflos umdeutende Stellung
zu finden) — das Natur-Volk existiert in dem Status der wirklichen Gesamtheit
auch in der gegenwärtigen Periode oder besser: ist in dieser Zeit
vorhanden, weil eine Art „geschichtslosen" Daseins ihm eignet, die es zu einem
Volk einer „ewigen Urzeit" macht, wie es mit gutem Grunde genannt wurde.
Hier ist das psychophysiologische Material, das auf Kosten einer realen
Volks- Bindung kommt, in Sicherheit zu bringen und zu systematisieren.
Dieser Behandlung des Bestehenden: — einer Sichtung desselben zur konstruktiven
Bearbeitung — entspricht eine abwehrende: der Zusammentragung
der empirisch-vorhandenen Elemente in Fällen der realen Einheit korrespondiert
die Kritik der ungleich näheren soziologischen Gegebenheiten, die aus
unwirklichen „Gesamtheiten" bestehen, und die Zerstörung dieser Tendenzen zur
metaphorischen Einheit. Hier werden vornehmlich alle Ideologien sämtlicher
Parteien zu treffen und zu destruieren sein, nicht etwa von einer
„übergeordneten" Staatsganzheit aus, die selbst nichts anderes ist als eine Partei,
sondern weil diese Ideologien ständig auf einem nur peripheren Prinzip
ruhen, das eben wegen dieser Peripherität niemals eine wirkliche Totalität
soziologischer Komplexe konstituieren kann, die allein lebendig d. i. katastrophenlos
sein kann und die nur von einem sie universal d. i. zentral beherrschenden
Punkt aus ergriffen werden kann — — also nicht von einer empirischen „Staats"-
ganzheit aus (die doch nur Teil ist), sondern von einem, logisch erfordert,
universalen Hervorbringungs-Ort aus, in dem alle denkbaren peripheren
Gesichtspunkte, alle P a r t e i - Teleologien nicht etwa „verbunden", sondern aufgegangen
sind. Aufgehoben aber deswegen, weil der Punkt umfassender
Perspektive apriorisch vorher die verschiedenen Strebungen konzentrisch enthält
, von denen die Parteiformulationen nachträgliche losgerissene Verselbständigungen
sind, aus denen nimmermehr eine Einheit „kombiniert" werden kann,
weil diese nur mechanisch ausfallen könnte. Die umfassende metapolitische
Einstellung nämlich enthält die antinomischen Tendenzen zwar miteinander
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