http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/unger1921/0056
Aber eine solcherart zersetzende Auswirkung der metapolitischen universitas
wäre, sowohl der Entfernung von ihrem eigentlichen Zentrum nach die äußerste
als auch die ihr sichtbarlich antinomischen soziologischen Gegebenheiten am
drastischsten und leichtesten treffende. Bezeichnender aber, differentialdiagnostisch
die Art und Herkunft ihrer Wirkungen — gegenüber anderswoher kommenden
Angriffen — auf das politische Außen schärfer beleuchtend, schwieriger zu sehen,
aber von größerer symptomatischer Intensität, spannungsvoller ist das Verhalten
der metapolitischen universitas zu dem relativen Innen jener Außenwelt, zu deren
unmittelbarer Geistigem: zu deren wissenschaftlicher Erscheinung und zu
jener nach innen hin gewandten Energie, die »Kunst" heißt.
Aus dem Wesen der metapolitischen universitas folgt für das Faktum „Wissenschaft
" zuerst, daß es eine Freiheit des Geistes genauer eine solche des
Forschens im geltenden Verstände nicht geben kann, und wenn auch diese Freiheit
nicht von außen eingeschränkt werden kann, so ist doch der Geist selbst
eine verbietende und gewährende Instanz und ein prinzipielles Gewähren aller
Geistesbetätigungen liegt dann nicht in seiner Natur, wenn in dieser ein Gerichtetsein
und eine teleologische Struktur angesetzt ist. Es stünde danach nicht
frei, beliebige Antriebe der Untersuchung, auch wenn ihnen noch so exakt Folge
geleistet werden könnte, und auch wenn sie unter die Kategorie einer bestehenden
Disziplin fielen, unter der Idee der „Wissenschaft" zu begreifen. Zu der bisher
einzigen Bedingung der Wissenschaftlichkeit, nämlich der Methode des Vorgehens
, tritt vielmehr noch die einer von einem obersten Problem-Ausdruck
ununterbrochen fortlaufend legitimierbaren Fragestellung. Es
hätte die denkbar intensivste Verkürzung des gesamten Wissenschafts-
Bereichs stattzufinden, der zu einer einzigen Gerichtetheit und Übersehbarkeit
zusammenzuziehen wäre, indem der Abstand, ja der Bruch zwischen der Betätigung
auf einem konkreten Erfahrungsfelde und der von diesem abgewandten
Einstellung durch die aktuellste, in keinem Moment aussetzende Kommunikation
— indem diese Diskrepanz als Hemmungsmoment einer einzigen Lebendigkeitsgröße
so ausgeschaltet wird. Der Riß entstand, indem aller wißbare Inhalt in
das Erfahrungsreservoir und seine Erkenntnis glitt, der „Philosophie" aber kaum
mehr als die Form des Wissensmöglichen übrig blieb. Das ist der gegenwärtige
Status. Ist indessen, wie oben gesehen wurde, die oberste Problematik
eine solche, daß ihr trotz ihres transzendentallogischen Charakters
gewisse Inhalte mit Notwendigkeit eigentümlich vorbehalten bleiben,
so wird der ständig momentane Zusammenhang mit der Erfahrungs-Durchforschung
bestehen und zugleich eine Architektonik der Fragestellungen, die die
absolute Einheit aller Wissenschaftsbewegung sicherstellt. Die Scheidung in
Materie, als Objekt der Erfahrungswissenschaften und in das (von allem Empirischen
möglichst) „reine" Bewußtsein, als Objekt der Philosophie, ergibt mit
52
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/unger1921/0056