http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/unger1921/0057
Notwendigkeit einesteils die völlige Unverwertbarkeit der „Philosophie" für die
Erfahrung, anderenteils ihre absolute Bewegungslosigkeit in bezug auf ihre eigene
Aufgabe. Diese Scheidung involviert Unfruchtbarkeit. Gelingt es aber, eine
prinzipielle und exakte Scheidung in „fremde" und „eigene" Materialität aufzuweisen
, davon die erste der Naturwissenschaft zu überweisen ist, die zweite
rein durch das Bewußtsein zur Darstellung zu bringen und dem Denken als
solchen zuzuerteilen ist, so enthält die Philosophie nicht nur die für die Aufhellung
der an sie zu richtenden Forderungen notwendigen Inhalte, sondern
auch einen Angriffspunkt für die Erfahrung — ein Gelingen also, das unerläßliche
methodologische Bedingungen für eine konkrete Wesentlichkeit und
Weiterbewegungs-Fähigkeit der Philosophie ist.
Aber bei dieser Konzentration, die die Weite und chaotische Verlaufenheit
wieder zu einem bestimmt gerichteten Umriß zurückzuholen hätte, würden nicht
wenige wissenschaftliche Unternehmungen fallen. Zahllose Fragen und die von
ihnen motivierten Bearbeitungen, die sich nicht in diesen Nexus einer bestimmten
Struktur eingliedern lassen, hätten zu pausieren und, wenn ihnen eine Legitimierung
durch das oberste Telos überhaupt nicht zukommt, aufzuhören. Das heißt: Das
„Entbehrliche" irgendwelchen Wissens ist oft behauptet worden. Aber diese Behauptung
ist im Falle des mangelnden Kriteriums sinnlos, am sinnlosesten aber,
wenn die empirische „Praxis" das Entscheidungsinstrument abgeben sollte. Die
hier bezeichnete Aufgabe aber wäre, auf jede Weise darzutun und im eigenen
Geltungsbereich verbindlich zu erfüllen: nämlich alle „wissenschaftliche" Bewegung,
die über den Umriß der auf einem angebbaren Zweck konzentrierten Wissenschaftsgestaltung
— der das Kennzeichen ist — hinausragt, abzuschneiden und
zu verursachen, daß diese Hypertrophien bildenden Kräfte durch Unterbindung
sich in ihrem Anteil an der Konstituierung des eigentlichen teleologischen
Organons entbinden müssen.
Aber diese zu einem Teil auflösende Wirkung der metapolitischen universitas
ist das Anzeichen einer neu auftretenden prinzipiellen Möglichkeit; es ist nämlich
hier dem Gedanken an eine überall denkbare Handhabe Raum zu geben, die
Verwandlung eines mit unreduzierbaren Entartungen affizierten Erscheinungszusammenhanges
zu erzwingen: es gilt nämlich das Mittel des Eliminierens
rein als solches einmal in Rechnung zu stellen: es ist a priori zu erwarten, daß
eine — wo auch immer angesetzte — umfassende Zurückdrängung und Unterdrückung
an und für sich notwendig eine aus dem Grunde kommende Veränderung
heraufbringt und also diese durch jene bedingt ist. Dennoch gilt es der
schweren Mißdeutung auszuweichen, als ob so „Negation um der Negation willen"
gefordert würde. Evidentermaßen kann allerdings — da die pathologischen Gegebenheiten
in einem solchen verneinten Erfahrungskomplex ohnehin unter der
Perspektive ihrer Aufhebbarkeit resultatlos gewertet werden — nur eine Unter-
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