http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/unger1921/0059
Es gibt nun einen Komplex von Bezeugungen, die den Argwohn auf sich
lenken, im Effekt jener von Grund aus anhebenden Orientierungstendenz entgegenzuarbeiten
, indem sie die Intensität eines realen, zu entscheidenden
Hervorbringungen in der soziologischen Welt (und damit nicht nur in dieser)
fähigen, metaphysischen Ansatzes dauernd ablösen.
Der Verdacht: Ursache davon zu sein, daß es nie zu einer metaphysischen
Spannung kommt — die in ihren Konsequenzen unabsehbare Anschuldigung,
diese hervorbringende Spannung immer wieder durch ein Ersetzen ihrer
abzuspannen, trifft alle Kunst in beinahe sämtlichen weiten Bereichen
ihrer Erscheinungsformen.
Hier ist nun die an die anderen Unternehmungen der metapolitischen uni-
versitas anschließende Aufgabe von allesbedingendem Gewicht: zu entscheiden
über die Möglichkeit einer maßlos zerstörerischen Gewalt, die unablässig das Entstehen
einer realen metaphysischen Konzentration auflöst, indem sie ihre eigenen,
jener ähnlichen Wirkungen unterschiebt — durch umfängliche Untersuchungen
wäre die Gewißheit zu schaffen über das Bestehen einer Macht, die die Ansammlung
jener empiriegründenden Intensität durch ihre eigenen „kleinen" transempirischen
Entladungen ableitet oder verteilt und „unschädlich" macht, damit
aber der katastrophalen Außensphäre von ihrem gefährlichsten Gegner hilft — —
es wäre strikt zu entscheiden, ob Kunst nicht so eine tiefe Gemeinsamkeit mit
jenem Außen bilde und dessen ebenbürtiges „Innen" abgebe.
Dies scheidet den aus metaphysischer Richtung stammenden Angriff von
allen bloß „kunstfeindlichen". Die Kunst, die irgendetwas von der Dignität einer
„anderen Ordnung" besitzt, wird nie den Argumentationen der „Praxis" und der
„irdischen N o t" erliegen, die mit dem Schluß ihrer „Überflüssigkeit" oder ähnlichem
operieren — etwa in der Dialektik Piatons oder Tolstois, und niemals
können diese Beweisgründe die Kompetenz zu ihrer Eliminierung aufbringen.
Denn nicht aus einer dem Motiv zur Kunst entgegengerichteten, empirischen,
sondern einzig aus einer diesem Motiv gleichgerichteten, aber dessen äußerst
mögliche Erfüllung zu überholen fähigen Triebkraft, die die Tendenz zur Kunst
so weit treibt, daß sie über den Begriffsumfang „Kunst" weit hinausträgt — —
kann ein Legitimiertsein zur Aufhebung der Kunst stammen — —. Nicht aus
einer die Absicht der Kunst verneinenden, sondern einzig und gerade aus
der ihr selbst innewohnenden, aber sie übersteigernden, vom Bild
zur Wirklichkeit davonführenden Energie kann auch nur die Fähigkeit kommen,
jene Kräfte, die die nicht zureichenden Zwischen gebilde („Kunst" genannt)
hervorbringen, zu unterbinden — um sie, durch Sammlung, bis an den Kristallisationspunkt
einer — der „zweiten" — Realität zu zwingen. Die konkrete Form
aller dieser Verhinderungen und Unterdrückungen wird lediglich und zureichend
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