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Empirie einzig deshalb ähnlich, weil diejenige apriorische Einheitlichkeit divergenter
Erfahrungsbereiche, die deren Bewältigung ermöglicht, (entgegen der natürlichembryonalen
Indifferenziertheit, die zum Chaos geführt hat) im Denken stattfindet;
denn Metaphysik ist nur die entschlossenste d. i. am weitesten gehende Theoretik.
In dieser Überdeutigkeit ist das Auf-Ein-Mal des körperkonstituierenden
Prinzips wiederzuerkennen, das vorherige Zusammen alles später Differenzierten,
das zuvor archetypisch aufeinander bezogen worden sein muß — denn sie ist ein
essentiale eines empiriekonstituierenden d. i. metaphysischen Vorgehens überhaupt.
Nun wird dem Denken das besondere Prädikat, Einheit von Differentem zu
sein, gewiß koncediert werden, aber es wird nicht eingesehen werden, wie denn
der Übergang von solcher Art Einheiten zu den Bestimmtheiten der Erfahrung
beschaffen sein solle.
Und allerdings wird auf diese Frage nur zweierlei möglich sein: entweder
ein allmählicher völliger Verzicht auf Erfüllung der ewig an das Denken zu stellenden
Forderungen (welche Forderungen nicht etwa als ein beliebiges „Ansinnen", sondern
selbst als logische Notwendigkeiten auszuweisen sind) das ist entweder eine Aufhebung
der Erkenntnis selbst. — oder die Sichtbarmachung einer die ganze
Geschichte des Fehlschlages widerlegenden Möglichkeit einer unvergleichbar zu
erhöhenden Leistungsfähigkeit des Denkens.
Es gibt für den Fortgang des philosophischen Denkens einen prinzipiell
kritischen Punkt. Er kann nicht anders bezeichnet werden als durch die Frage
einer prinzipiellen Zuwachs-Möglichkeit, die allein einen Gegensatz zu der langen
machtlosen Vergangenheit des Denkens bedeutet und somit diese nicht zum Maßstab
werden läßt. Dieser Zuwachs kann nirgendwoher kommen als aus einer
erweiterten Perception der eigenen Materialität, einem Moment, in dem, wie oben
analysiert wurde, gleichzeitig das Vorhandensein der empirischen körpermäßigen
Subjekts-Vielheit akut wird. Jener Entscheidungspunkt der Erkenntnis wird also
bezeichnet durch eine ganz bestimmte Problematik der „Mehrfachheit". Das heißt:
die Philosophie wird sich nicht weiter bewegen als durch die Stellung und Beherrschung
des Problems der Auswertbarkeit einer extensiven Gegebenheit,
jener Mehrfachheit, für eine intensive. Die eigenen typischen Fragestellungen
des Denkens werden über den toten Punkt, an dem sie seit geraumer Zeit ruhen,
nicht hinausgelangen als durch neue Mittel, die aus der Möglichkeit einer Steigerbar
keit stammen, die objektive wie subjektive Geltung hat d. i. die sowohl als
heuristische Tatsache der Erkenntnis wie als dynamische Quelle der Erkenn
ens-Intensität verstanden werden muß.
DieseVielheits-Problematik ist aber zugleich innerstes
Thema und Auf lösungs - Punkt aller F r a g w ü r d i g k e i t, die
politisch heißen kann. Und indem jenes Problem die der Erkenntnis
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