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Zur Belehrung und Unterhaltung.
+† Der große Durcheinander unserer Zeit.
Der Wandersmann muß dir, geneigter Leser,
bei seiner ersten Einkehr leider ein trauriges und
düsteres Bild von der Lage unseres Vaterlandes
wie unseres ganzen Welttheiles entwerfen.
Ueberall wo du hinblickest, nichts als Revo-
lution, Aufruhr, Gährung und Unzufriedenheit.
Wie eine wilde Fluth sind die Höllengeister über
unseren schönen Erdstrich hingebraust und eine
kaum 18 Monate alte sturmvolle Bewegung hat
hingereicht, Credit und Wohlstand zu vernichten,
Friede und Eintracht in Haß und Zwietracht zu
verwandeln, das Schwert aus der Scheide zu
reißen und es mit dem Blute deutscher Brüder
zu röthen. Ja, geneigter Leser, wir leben in
einer furchtbaren, ereignißschweren Zeit, wir sind
die Zeugen eines weltgeschichtlichen Kampfes, wie
ihn das Menschengeschlecht nie vorher gesehen,
Zeugen von Erscheinungen, wie sie den alten
Weissagungen nach in diese Zeitperiode fallen sollen.
Mit dem Glockenschlage 12 in der Neujahrsnacht
sinkt die Halbscheide dieses verhängnißvollen Jahr-
hunderts in das unermeßliche Meer der Ewigkeit
hinab. Verweilen wir einen Augenblick bei dem
Grabe dieses Zeitabschnittes und legen den Prüf-
stein an das von ihm hinterlassene Erbtheil. Mit
thränenfeuchten Augen muß dir, geliebter Leser,
der Wandersmann gestehen, daß unser ehrwürdi-
ges Deutschland nicht mehr zu erkennen ist. Bei
einem sehr großen Theile des Volkes hat die alte
deutsche Treue und Redlichkeit dem Verrathe und
der Untreue, der christlich fromme Sinn dem Un-
glauben und der Gottlosigkeit Platz machen, Fleiß,
Sparsamkeit, Mäßigkeit und Sitteneinfalt haben
der Faulheit, der Schlemmerei, dem Hange zum
Sinnengenusse und dem Hochmuthsteufel weichen
müssen. Es ist eine Krankheit der Ideen und
eine Gemüthsverderbtheit über die Menschen ge-
kommen, die allemal der Unterjochung und Auf-
lösung eines Volkes vorangegangen waren, und
von denen sich die guten Menschen auf das Schreck-
lichste bedroht sehen. Wir leben bei all' unserer
Herzensreinheit, Gottesfurcht und christlichen Ge-
sittung im eigenen Lande unter Ungläubigen und
Barbaren, die nur den Augenblick erlauern, wo
sie über uns herfallen können. Es handelt sich
bei der Zeitbewegung nicht hauptsächlich um diese
oder jene politische Freiheit, sondern darum, ob
Christenthum oder Heidenthum, ob die christliche
Civilisation erhalten und noch weiter ausgebreitet
werden, oder ob Barbarei über uns hereinbrechen
und das Werk von mehr als tausendjähriger Sorg-
falt und Pflege verschlingen soll. Deßhalb nennt
man auch die gegenwärtige Revolution eine so-
ziale, und den Sieg derselben den gesellschaftlichen
Umsturz. Zwar ist für den Augenblick die Em-
pörung gedämpft, die Gefahr scheinbar beseitigt,
denn noch sind nicht alle Bollwerke der Ordnung
von dem wühlerischen Geiste hinweggeräumt, noch
sind nicht alle deutschen Volksstämme von dem
verderblichen Gifte durchfressen, aber in den Ge-
müthern wirkt und lebt es fort mit um so grö-
ßerer Schärfe, und das Trauerspiel ist noch lange
nicht beim Schlusse.
Der geneigte Leser weiß jetzt der Hauptsache
nach, was die Welt bewegt: die Feinde des
christlichen Staates und der monarchi-
schen Ordnung wollen den Glauben un-
serer Väter ausrotten, den Altar um-
stürzen, sie wollen die Fürsten vom
Throne stoßen, um damit in der einrei-
ßenden Unordnung die Phantasiege-
bilde ihrer Selbstüberhebung, Ehr- und
Habsucht verwirklicht werden können.
Wir haben bereits einen Vorschmack von dieser
Herrlichkeit gehabt, und der geneigte Leser wird
auch die Rechnung machen können, was für den
Bürger und Bauer dabei herausgekommen ist. Dar-
über wären wir miteinander so ziemlich im Reinen.
Es genügt aber nicht, zu wissen, daß etwas
vorhanden ist, man muß der Sache auch auf
den Grund gehen und ihren Ursprung, nämlich
die Ursachen zu erforschen suchen.
Wir sind in diese saubere Bescheerung hinein-
gerathen, ohne zu wissen, wie uns geschah. Die
Revolution mit ihren Folgen überfiel uns wie
ein naächtlicher Dieb, wir hatten keine Ahnung
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