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davon. Der geneigte Leser gehört gewiß auch
zu denen, die sich arglos mehr oder minder in
den Strudel der politischen Bewegung hineinzie-
zen ließen (man wurde ja gegquält genug), ohne
im Dämmerlichte der Zukunft das schauerliche
Endziel zu gewahren. Hören wir also zu, wie
die Sache sich so allmählig machte, immermehr
wuchs und endlich ganz in die Mode kam.
Der Wandersmann könnte den geneigten Le-
ser zurückführen um ein Paar hundert Jahre, wo
in unserem lieben Deutschland das nämliche Fie-
ber wüthete, und des ehrwürdigen tausendjährigen
Reiches Einheit durch das Aufkommen einer zweifa-
chen Herrschaft dahinfiel, das würde aber für
diesesmal zu weit führen; wir wollen daher bei
unserer neuesten Geschichte, die uns Allen bekannt:
ist, stehen bleiben.
Wir wissen, daß nach dem Sturze Napoleons,
des tyrannischen Eroberers, nachdem 25 Jahre
lang ein blutiger Krieg gewüthet und Millionen
Menschen ihr Leben auf dem Schlachtfelde gelas-
sen hatten, anno 1815 den tiefgebeugten Völkern
endlich der heißerflehte Frieden zu Theil wurde.
Alle europäischen Mächte hatten sich zu Wien in
einer Conferenz versammelt, gleichsam einen Fa-
milienrath gehalten und einen Pakt geschlossen,
wodurch das europäische Gleichgewicht befestigt
wurde. Bei dieser Verhandlung wurden auch
die Verhältnisse unseres deutschen Vaterlandes
geregelt, und diese Gestaltung Deutschlands von
allen Mächten anerkannt. Aber schon unmittel-
bar nach der Geburt dieser Verfassung gab es
viele Köpfe, denen sie nicht nach Wunsch ausge--
fallen war, und alsbald bildeten sich geheime
Verbindungen, die auf den Umsturz dieser Ver-
fassung hinwirkten.
Trotz dieser heimlichen und offenen Um-
sturzbestrebungen wußten die deutschen Regie-
rungen doch 33 Jahre lang den inneren und äu-
ßeren Frieden zu erhalten, die Verfassung in ih-
rem Bestande zu schützen. Man wird jetzt erst
und später noch weit mehr beurtheilen können,
wie sehr in diesen 33 Friedensjahren das wahre
Menschenwohl emporblühte. Diese Unzufrieden-
heit mit der deutschen Verfassung verbreitete sich
immer mehr in den sogenannten gebildeten Krei-
sen, da sie hauptsächlich von den Professoren auf
den Universitäten ausging, und somit durch die
studirende Jugend auch auf die bürgerlichen Klas-
sen übertragen wurde. Gleichzeitig entsendete
aber auch ein anderer Kamerad, der Geist der
Verneinung, welcher Alles, was ist,
schlecht heißt und verwirft, und der durch
alle Zeiten geht, und schon oftmals mit Feuer
und Schwert von der Erde vertilgt werden mußte,
seine Apostel in der revolutionären Propaganda
des Umsturzes. Seit 33 Jahren nun rüttelten
diese beiden Gattungen von Opposition gemein-
sam an der mit dem Blute so unendlich vieler
Menschen besiegelten Ordnung; im brüderlichen
Vereine konnten sie nicht müde werden, das Be-
stehende und somit das Völkerglück zu untergra-
ben; kein Mittel war ihnen zu schlecht, um ih-
ren Zweck zu erreichen, beispielloser Lug und Trug
stand in ihrem Solde, um die Menschen zu be-
rücken und sie ihren Planen dienstbar zu machen.
Endlich rissen die Bande der Ordnung, die
Fürsten mußten Land und Volk dem wilden
Strome Preis geben, die Revolution fing an
zu wüthen, im Nu waren überall die Dämone
des vollständigen Umsturzes auf der Oberfläaͤche,
und was sie uns brachten, wissen wir. Mit
meisterhaftem Geschicke aber, und begünstigt durch
die Unfähigkeit und Zwietracht der revolutionären
Volksmänner wußten die Staatsmänner von wah-
rem Berufe die Bewegung alsbald zu drehen und
zu wenden, den Strom bald hierhin bald dort-
hin zu locken, bis sie ihn abseits gelenkt und
vollständig in der Gewalt hatten. Das nennt
man die Gegenrevolution, die nun mit
Gottes Hülfe das schreckliche Ungeheuer am Baäͤn-
del hat, und uns Alle vor dem gräßlichsten Un-
tergange bewahrte. Der Wandersmann wird
dem geneigten Leser dies wo anders näher aus-
einandersetzen, damit dieses Kapitel nicht zu lang
wird. Unterdessen aber wollen wir uns unterhalten
Von dem badischen Aufstande.
Wenn der Wandersmann von den politischen
und religiösen Bewegungen in Baden spricht, so
mag sich der geneigte Leser sogleich ganz Deutsch-
land dazu denken; denn gleiche Ursachen haben
überall die nämlichen Folgen, und die badische
Geschichte ist eine Weltgeschichte im Kleinen; An-
fang, Verlauf und Ende würden in ganz Deutsch-
land die nämlichen gewesen sein, wie bei uns,
wären alle Deutschen auf diejenige Art unter ei-
nem Hute gestanden, wie die neuesten Weltver-
besserer es haben möchten. Wir waren nur vor-
läufiger und naseweiser wie die andern Deutschen,
es wurde uns mehr durch die Finger gesehen,
darum sind wir auch geschwinder glücklich gewor-
den, als alle übrigen deutschen Stammesbrüder.
In unserem Lande wurde der Brei gekocht, den
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