http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0023
man in ganz Deutschland den Leuten um das Maul
schmierte; jetzt dürfen wir aber auch die Schaͤrre
kratzen, und für die Wolkenfahrt die Zeche bezahlen.
Nun soll der geneigte Leser erfahren, wie der Wan-
dersmann die ganze Geschichte von A. bis Z. ansieht.
Es liegt in dem menschlichen Wesen, daß der
Mensch nach überstandenen Nöthen das Schlimme
bald aus dem Sinne verliert, und wenn es ihm
gut geht, gar bald üppig zu werden pflegt. So
wie der Herr Gevatter, wenn er vom Katzenjam-
mer geplagt wird, bei sich gelobet, sein Lebetag
keinen Schoppen mehr zu viel zu trinken, aber
doch gleich darauf schon wieder über seinen Durst
nicht Meister werden kann; so wie die Frau Ge-
vatterin bei Kindesnöthen alle Männer der Welt
verwünscht, über's Jahr aber doch den Storch
mit der nämlichen Bescheerung wieder zum Fen-
ster hereinläßt - akkurat also geht es auch mit
den Völkern, die bald die Schmerzen drangvoller
Zeiten vergessen und durch die bittersten Erfah-
rungen nicht gewitzigt werden. So ging es auch
in unserem lieben badischen Ländchen. Mit der
Thronbesteigung des Großherzogs Leopold, dieses
überguten Herrn, begann eine neue Epoche des
Glückes, des Wohlstandes und der Freiheit für
dieses paradiesische Land. Längst verschmerzt und
vergessen waren die schrecklichen Leiden der frü-
heren Kriegsjahre, die Leichenhügel der Millio-
nen Schlachtopfer hatte die Zeit geebnet, und wie
eine halbverklungene Sage erschienen dem nach-
gewachsenen Geschlechte die gräßlichen Erlebnisse
der heimgegangenen Vorfahren. Man glaubte
nicht daran, daß jemals wieder solche Zeiten
wiederkehren könnten, und lebte unter des Segens
Fülle und der milden Regierung des freisinnigen
Großherzogs fröhlich und guter Dinge.
Wir waren üppig und hoffärtig geworden,
wir hatten uns vorgeschwätzt und vorschwätzen
lassen, Wunder was wir für große Lichter seien,
uns mit unserer Aufklärung und Mündigkeit ge-
rühmt, und was des hohlen Zeuges noch mehr
war. Wir merkten aber nicht, wie der Versucher
sich erst heimlich in das Haus gestohlen und uns
diese hochfahrenden Dinge in die Ohren geblasen
hatte, ja wir blieben blind und taub, als der
Boͤse bereits herumschlich, wie ein brüllender Löwe,
wir waren mit einem Worte in der Gewalt des
bösen Geistes, ehe wir es uns versahen.
Wir konnten nichts merken, denn der gefähr-
liche Geselle erschien in den lieblichsten Gestalten,
seine Worte waren wie Honigseim so süß, und
er brachte uns ja nur Liebes und Gutes, Be-
freiung von tausendjährigem Joche, Alles was
uns von Gott und Rechtswegen gehörte. Frei-
heit, Freiheit, und alles auf gesetzlichem Wege,
was war da Gefährliches oder Unerlaubtes da-
bei! Der Geist des Umsturzes und des Verder-
bens schickte uns bald seine Apostel in Gestalt
von überschwänglichen Advokaten, ungetreuen Be-
amten, pflichtvergessenen Schulmeistern, gottlosen
Pfaffen und lungernden Zeitungsschreibern als
Volksbeglücker, und es währte nicht lange, so
sperrten wir Maul und Nase auf, wenn ein sol-
cher langhäriger Herr Rath oder Doctor eine
schwülstige Rede hielt; es schoß uns so etwas
Hochmüthiges in das Blut, und die Predigt des
Herrn Pfarrers kam uns immer langweiliger und
überflüssiger vor. Nach und nach gewannen wir
auch unsere Volksbeglücker so lieb, daß wir das
Bildniß des lieben Herrgotts aus der Stube
schafften und den Sankt Itzstein, Sankt Hecker,
St. Struve u. s. w. im Zimmer aufhingen und
mit heidnischer Abgötterei verehrten. Sehe, ge-
neigter Leser, das Alles thaten wir, weil wir
nicht gegen die Versuchung gewappnet waren.
Wir fielen nach und nach immer mehr ab von
dem lebendigen Gotte und trieben Abgötterei mit
uns selbst oder mit andern Menschen. Aber der
Herr kehrte ein und zerschlug die Götzen, die
falschen Götter, zerstreute sie in alle Welt und
bald wird ihre Spur nicht mehr zu finden sein.
Sie selbst aber, diese falschen Götter, vulgo Volks-
beglücker, merkten auch nicht, daß sie nur Werk-
zeuge einer höheren Macht waren, die sich aus
Selbstüberhebung vermaßen, dem ewigen Welten-
lenker in das Handwerk zu pfuschen, aber mit
verbrannten Händen heimgeschickt wurden. -
Das ist die eine Seite der Betrachtung, so weit
es die Wirksamkeit des verneinenden Geistes, den
Umsturz betrifft, wie ihn der Wandersmann im
ersten Kapitel geschildert hatte.
Auf der anderen Seite stehen die Weltverbes-
serer von einer feineren Sorte, die an Eigendün-
kel die vorigen noch übertreffen, aber ebenfalls
nur Werkzeuge sind, zunächst bestimmt, ohne daß
sie es wissen oder zugeben wollen, dem Geiste des
Umsturzes die Wege zu ebnen.
Der geneigte Leser wird hernach sehen, daß der
Wandersmann auch in Bezug auf diese Recht hat.
Also nach der Thronbesteigung des Großher-
zogs Leopold begann das neue Leben der Frei-
heit, des Wohlstandes und der Bildung. Die
Verfassung, welche in ganz Deutschland für sehr
freisinnig galt, weil man damals noch vernünf-
tiger und aus Erfahrung urtheilte, gewährte den
Landesangehörigen das Recht, in den Staatsan-
gelegenheiten durch ihre Vertreter mitzusprechen,
die Steuern zu bewilligen and ihr- Verwendung
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0023