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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0025
großen Theil des badischen Volkes; es lief den
politischen Windbeuteln nach und hielt bei den
Volksversammlungen Maulaffen feil, ließ sich
durch Schmeicheleien nicht allein gegen die Regie-
rung, sondern auch gegen Gott und die guten
Menschen aufhetzen und versank nach und nach
in die tiefste Demoralisation. Der Knecht wollte
sich über den Herrn erheben, der Sohn über den
Vater, Alle besonnenen erfahrenen Leute galten
für Dummköpfe und Volksfeinde. Keiner wollte
mehr gehorchen und Alle befehlen, Keiner arm
fein, sondern alle reich, was doch niemals in
der Welt möglich sein wird. Die Religion ward
als ein Spielzeug für Kinder und alte Weiber
angesehen; fromme Leute, die einen christlichen
Lebenswandel führten, wurden als Finsterlinge,
Betbrüder verspottet. Die Regierung hatte lange
Zeit herzhaft diesem schändlichen Treiben wider-
standen, und die große Mehrheit des Volkes einen
tiefen Abscheu dagegen gefaßt, allein bei der
Unthätigkeit dieser Partei, die man die conserva-
tive nennt, konnten die Umstürzler ihre Macht
immer weiter ausbreiten und Beamte, Geistliche
und Schullehrer in ihr Netz ziehen; besonders
wußten sie die Presse des Landes größtentheils in
ihre Hände zu bringen und damit das große Un-
heil desto leichter anrichten; bei den Wahlen
wandten sie alle möglichen Künste der Lüge und
Verführung und sogar abschreckende Gewalt an,
um die Oberhand zu erlangen, und bald war es
den vereinten Anstrengungen der Wühler beider-
lei Gattung gelungen, den Großherzog zum ge-
fährlichsten Nachgeben, zur Ernennung eines so-
genannten liberalen Ministeriums zu nöthigen,
wodurch die liberale Partei, wohl zu unterschei-
den von der radikalen, an das Ruder gelangt war.
Von diesem Augenblicke an datirt das große Un-
glück unseres badischen Landes. Diese Partei
hatte sich vorgesetzt, nicht allein im eigenen Lande
der Verfassung eine Erweiterung im Sinne ihres
auf die Dauer keineswegs erprobten constitutio-
nellen Glaubensbekenntnisses, zu geben, son-
dern hauptsächlich auch die Verfassung
von ganz Deutschland in gleicher Weise zu ver-
ändern. Sie opponirte zu diesem Zwecke scheinbar
sogar auch gegen dieses aus ihrer Mitte gebildete
liberale Ministerium, um es zum Treubruche ge-
gen die deutsche Bundesverfassung zu draͤngen.
Sie war dabei von dem wahnsinnigen Glauben
an die Allmacht ihrer wohlgedrechselten Reden
befangen und hoffte, nachdem sie in Gemein-
schaft mit den offenkundigen Umstürzlern lustig da-
rauf los gewühlt und das Volk verdorben hatte,
durch ihren Zauberspruch die wilden Kräfte des

blinden Haufens in Fesseln schlagen zu koͤnnen,
sobald sie nur ihren Zweck erreicht haben würde.
Dazu kam, daß die gefährlichen Demagogen ihre
wahren Absichten hinter der Maske der gesetzli-
chen Freiheit schlau zu verbergen, und das Gift
auf eine Weise unter das Volk zu bringen wußten,
daß viele ehrliche Leute, denen es zuwider war,
von ihren Nebenmenschen so übel zu denken, sich
täuschen ließen, und alle Warnungsstimmen unge-
hört verhallten. Aber gerade in dieser Heuche-
lei, in dieser Raffinirtheit des Lügengeistes lag
das Verderben. Das Volk wurde darin foͤrmlich
unterrichtet und erzogen, und da die Lüge die
Mutter alles Bösen ist, so war dem Anhange
der sogenannten Volkspartei auch nichts mehr hei-
lig und alle edlen Tugenden des sittlichen Zusam-
menlebens wurden erstickt. Gleichzeitig mit die-
sen politischen Bestrebungen in Baden und den
deutschen Nachbarländern hatte der Geist des Um-
sturzes, welchen man gemeinhin Radikalismus
nennt, auch in Frankreich und der Schweiz an
furchtbarer Ausdehnung gewonnen, die Spannung
der beiden Prinzipien hatte den höchsten Gipfel
erreicht und in der Schweiz war es bereits zum
blutigen Zusammenstoße gekommen. Da schlug
plötzlich die Unglücksstunde für Deutschlaud und
andere Länder, für das Verderben von Millionen
von Menschen der verschiedensten Völkerschaften.
Eine eben so starre Opposition wie die unse-
rige und in gleicher Gesellschaft wie diese, hatte
in Frankreich ebenfalls den Boden der staatlichen
Ordnung vollständig unterwühlt, dort wie hier
war die Losung: Reform der Verfassung, dort
wie hier hatten ehrgeizige Advokaten, Professo-
ren und Geldmänner die Lehren der Geschichte
verspottet, die aus der Schule der Erfahrung
hervorgegangene und allein haltbare Verfassung
Umzustoßen getrachtet, dort wie hier war der be-
sitzende Bürger so thöricht, sich blenden und ge-
gen die Regierung, den König und die höheren
Stände aufstacheln zu lassen, dort wie hier hatte
Ueppigkeit und Wohlbefinden die Gemüther für
den Haß gegen das Bestehende zugänglich ge-
macht.
Die Angriffe gegen die Regierung in der
Kammer fanden Widerhall auf den Straßen un-
ter dem gemeinen Volke, die geheimen Gesellschaf-
ten zum Umsturze entwickelten eine rastlose Thä-
tigkeit, bewaffneten und fanatisirten das Volk
und am dritten Tage blutiger Kämpfe in den Stra-
ßen von Paris bemächtigten sich die rothen Re-
publikaner durch einen Handstreich der öffentlichen
Gewalt; der König mußte fliehen und die Repu-
blik wurde als Staatsform für Frankreich verkün-


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