Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0026
det. Diese Umwaͤlzung in dem benachbarten
Frankreich schlug wie ein Blitzstrahl in die bei
uns längst aufgehäuften Zündstoffe; die Umsturz-
partei entfaltete eine eben so eifrige Thätigkeit,
wie ihre französische Schwester, längst vorher
hatte sie geheim und offen ein Netz der Verschwö-
rung über unser Land und ganz Deutschland ge-
sponnen, und nun war der Augenblick zum Los-
schlagen da. "Jetzt oder nie!" war das Feld-
geschrei der Republikaner. "Jetzt oder nie!" war
aber auch das Feldgeschrei der sogenannten Constitu-
tionellen, die bis dahin mit den Republikanern in
brüderlicher Eintracht gemeinsam gewühlt hatten.

Die radikale Partei, die trotzdem, daß die Regie-
rung ihr allen möglichen Spielraum in der Presse,
in Volksversammlungen u. s. w. gewährte, trotzdem,
daß die Verschwörung, man möchte beinahe sagen,
am hellen Tage und auf offener Straße gemacht wer-
den durfte, die trotz alledem bei den Wahlen von
1847 dennoch unterlegen und somit machtlos im
Staate war, diese geschlagene radikale Partei
mußte nun die Avantgarde im Sturmlaufen der Re-
volution gegen die Ordnung bilden, und mittelst Ru-
mors und Spektakels aller Art der Regierung Zuge-
ständnisse abpressen, die von Seiten der herrschen-
den liberalen Partei allem Anscheine nach lange
bereit lagen.

Die herrschende Partei, welche den Großher-
zog wenige Wochen zuvor in der Thronrede versi-
chern ließ, daß Er unverbrüchlich an seinen Bundes-
pflichten festhalten werde, war es, die der deut-
schen Bundesverfassung zuerst den Handschuh hin-
warf, indem sie ohne Noth und auf das Andrin-
gen einer gefährlichen Minoritätspartei Conzessio-
nen in den Schoos des aufgeregten Haufens aus-
schüttete, anstatt, wie der Wandersmann meint,
in diesem kritischen Augenblicke zu zeigen, daß sie
es verstehe, des Volkes wahre Wohlfahrt zu schü-
tzen.

Nun war aber der Brand losgelassen, was bisher

nur insgeheim betrieben werden konnte, was bis zu
jenem Zeitpunkte als etwas Gesetzwidriges ange-
sehen wurde, war nun erlaubt; ohne Kampf und
Widerstand hatte die Regierung sich in den Strom
der Revolution-hineinreißen lassen, mit unbegreif-
licher Eilfertigkeit Vieles gewährt und geneh-
migt, wogegen sie sich viele Jahre lang gestemmt
und gesträubt hatte. Dadurch brachte sich diese

Regierung vollends um den Rest ihres Ansehens,
denn Jeder vernünftige Mensch sagte: "Warum
kann die Regierung denn jetzt den Forderungen
des Volkes nachgeben, wo sie Angst hat, und

warum that sie es früher nicht? Da sieht man,
daß sie gegen das Volk gesinnt ist."
Der leichte Sieg der revolutionären Partei
über eine schwache Regierung in Baden sporn-
te die Revolutionärs aller Staaten zur ra-
schen Befolgung dieses Beispiels an, und wie
vom Sturmwinde getragen, loderte die Fackel des
Aufruhrs bald über ganz Deutschland. Vergnügt
rieben sich die liberalen Oppositionsmänner die
Hände, daß sie nun erreicht, wornach sie so lange
gestrebt hatten, eine Freiheit nach ihrem Schnitte.
Sie thaten weidlich dick mit ihren "Märzerrungen-
schaften." Ja, sie mochten heimlich in das Fäust-
chen gelacht haben, daß sie die Radikalen so schön
zu barbiren verstanden, und sich von ihnen mittelst
der Souverainität der Volksversammlungen hat-
ten die Kastanien aus dem Feuer holen lassen.
Aber es währte nicht lange, so mußten sie die
Erfahrung machen, daß es so nicht gewettet war;
das so lange bearbeitete und aufgewiegelte Volk
hatte ganz andere Pläne und Wünsche im Kopfe;
es war mit der Preßfreiheit und dem Parlament
ꝛc. noch lange nicht zufrieden. Die oftgenannte
Partei der liberalen Professoren, Kaufleute, Fa-
brikanten, Advokaten und Beamten wollten mit
Teufelsgewalt bei dem stehen bleiben, was sie
für die Freiheit nach ihrem Sinne für genügend
erachteten. Anders dachten aber ihre bisherigen
Brüder in Demagogikum; diese wollten sich mit der
Freiheit, sich die Herrschaft jener gefallen lassen
zu dürfen, nicht zufrieden geben; sie wollten nicht
die Gefoppten sein, und wühlten emsig weiter.
Darauf hin schied sich die frühere Oppositions-
partei in zwei Bruchtheile; der liberale Theil bil-
dete eine besondere Partei zwischen den Radikalen
und den Altconservativen*); sie wurde reaktionär
gegen die früheren Kampfgenossen, und wir hatten
somit von nun an drei Parteien im Lande. Bald
konnten sich die ebenso vermessenen als verblen-
deten Liberalen überzeugen, wie sehr sie sich ver-
rechnet hatten, denn überall, wo ihre Freiheits-
ideen und Mäßrzerrungenschaften zur Ausführung
kamen, hatten die Republikaner alsbald die Ober-
hand und Kanonen mußten herbeigeholt werden,
um den Sieg des Republikanismus zu verhindern.
Zum gerechten Lohne für ihre böswillige Verdäch-
tigung und Verketzerung so vieler verdienten
Männer aus der vormaͤrzlichen Zeit erging es
ihnen von Seiten ihrer früheren Freunde und

Anhänger auf das Haar so, wie sie es anderen ge-

*) Das ist denen, die stets mit der Regierung des
Großherzogs zufrieden gewesen waren.


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0026