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macht hatten, sie wurden für Volksverraͤther erklärt
und als solche verfolgt und am Leben bedroht.
Als die Republikaner sich also verlassen und
verrathen sahen, griffen sie zur Gewalt und mach-
ten die bekannten zwei Schilderhebungen im vo-
rigen Jahre, die aber durch das Dazwischentreten
von Reichstruppen unglücklich für sie ausfielen.
Jedoch war ihre Macht in unserem Lande so groß,
daß die herrschende liberale Partei nicht den Muth
hatte, mit Nachdruck gegen sie aufzutreten, ja sie
zeigte dabei eine solche Schwäche und Ohnmacht,
daß die Republikaner sich durch ihre Niederlagen
nur gestärkt fühlten; sie bereiteten die dritte Schild-
erhebung noch ungenirter und offener vor, als je
zuvor und die Regierung verlor nach und nach
allen Halt im Volke. Am meisten schadete sich
aber die Regierung damit, daß sie mit der gelin-
den Behandlung der Aufständischen das natürliche
Rechtsgefühl manches Soldaten verletzte; außerdem
hatte sich das später geflüchtete Ministerium die
conservativen Elemente durch Vernachlässigung ent-
fremdet, indem es der Wühlerpartei, nach unserer
Ansicht, allzuviel zu Gefallen handelte - und hatte
somit blos die in der Mitte liegende ertraliberale
Partei von Professoren, Geldleuten ꝛc. für sich. Auf
diese schwache Partei wollte es sich stützen, als es
ein fruchtloses Verbot gegen die demokratischen
Vereine erlassen hatte, und beging den unverzeihli-
chen Fehler, sich durch die aufgetauchten sogenann-
ten vaterländischen Vereine für geborgen zu hal-
ten. Den größten Stoß hatte sich aber das Mi-
nisterium dadurch gegeben, daß es einem notori-
schen Hauptwühler, der am eigenen Freunde zum
Verraͤther geworden war, für diesen Verrath durch
Verleihung eines hohen Amtes belohnte. - Bei
solcher Ohnmacht und Schwäche der Regierung
konnte es nicht fehlen, daß die republikanische
Partei thatsächlich die Herrschaft in Handen neh-
men konnte, was sie auch mittelst der Organisa-
tion ihrer Volksvereine zu thun nicht versäumte.
Es war alles in Bereitschaft, um bei dem ersten
Anlasse die Zügel zu ergreifen, und die Schatten-
regierung aus dem Sattel zu heben. Die Gele-
genheit ließ auch nicht lange auf sich warten. Im
Parlamente war eine Verfassung für Deutschland
zu Papier gebracht worden, die ihrer Gefährlich-
keit und Unbrauchbarkeit wegen von den Regie-
rungen nicht angenommen werden konnte. Die
nämliche Partei, welche bei uns in Baden so
kläglich geendet, hatte sich der Demokratie, ihrer
Erzfeindin, in die Arme werfen müssen, um nur
ihr Kind gebären zu können, und als es endlich
das Licht der Welt erblickt hatte, glaubte sie
durch Drohungen mit der Revolution die Regie-
rungen zur Annahme dieses todtgebornen Geschö-
pfes, genannt Reichsverfassung, zwingen zu koͤn-
nen. "Entweder die Verfassung oder die Revo-
lution" riefen sie aus. "Damit werden wir
gerne dienen," dachten die Republikaner, "Re-
volution ist Wasser auf unsere Mühle" und frisch
ging es an das Werk, die unvermeidlichen Su-
perliberalen wiederum voran.
Die Bewegung für die Reichsverfassung nahm
einen hübschen Fortgang, die liberalen Herren
Professoren ließen es sich manchen Schweißtropfen
kosten; in der bayerischen Pfalz, in Baden, in
Württemberg, in Hessen, Nassau, Sachsen und
Preußen rührte es sich ganz vortrefflich, und ver-
gnügt schauten die Erbkaiserlichen drein. Da
machten sie aber auf einmal die unangenehme
Entdeckung, daß die Demokraten nicht wiederum
die Kastanien für Andere aus dem Feuer holen
wollen, und bestürzt und beschämt zogen sie die
Segel ein, und steuerten gegen die von ihnen
selbst angefachte Bewegung. Zu spät war es
aber bereits für Sachsen, wo in der Residenz
ein blutiger Straßenkampf entbrannt und zum
Sturze der Demokraten entschieden worden war.
Zu spät für die bayerische Pfalz und Baden,
woselbst die Republikaner ihren Zweck bereits er-
reicht hatten. Nur in Preußen that eine ener-
gische Regierung, und eine getreue Armee dem
Unheile noch zeitig genug Einhalt, und von dort-
her allein war es noch möglich, Befreiung von
dem Schreckensjoche der Volksherrschaft erwarten
zu können. Unsere badische Regierung hatte zwar
mit gewohnter Zuvorkommenheit Alles gewährt,
auch die Reichsverfassung angenommen und ver-
kündigt, so wie Militär und Beamten darauf
beeidigt; allein die Saat des Mißtrauens und
der Volksverwilderung hatte längst so üppig
gewuchert, daß das Loos dieser Regierung un-
ausweichlich entschieden war. Sie kam zu liegen,
wie sie sich gebettet hatte. Der Geist der Zügel-
losigkeit und des Umsturzes hatte Alles, Alles
dermaßen durchfressen, zuletzt sogar die Armee,
daß der leiseste Anstoß hinreichte, das morsche
Staatsgebäude wie ein Kartenhaus umzustürzen.
Die Soldaten, den Kopf geschwängert von den
Lehren des welteinreißenden Evangeliums der
Radikalen, auf alle erdenkliche Weise bearbeitet
und bestochen, empörten sich auf geschehene An-
zettelung gegen ihre Oberen, die Disciplin loͤste
sich auf in wilde Zuchtlosigkeit, das letzte Boll-
werk der Ordnung war zusammengebrochen, Le-
ben und Eigenthum, Freiheit und Bildung der
Staatsangehörigen in die Hände raub- und blut-
gieriger Menschen gegeben. Der menschenfreund-
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