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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0029
☛ Der Brand von Ludwigsha-
fen gegenüber Mannheim.
(Mit Abbildung.)

Die neue Freiheit, welche uns öfter Nach-
richten blutiger Scenen vom Kampfe der Neckar-
armee brachte, sollte das Herz der Bürger Mann-
heims noch mehr ängstigen. Der s. g. Oberge-
neral Miroslawski wurde auf Pfingsten
den Truppen und der Bürgerwehr vorgestellt und
seine Aeußerungen, in Beziehung des Kriegspla-
nes, gaben den hiesigen Bewohnern die drückende
Gewißheit, daß Mannheim als der Schlüssel
zum badischen Lande betrachtet werde und von
Seiten der Revolutionsarmee alles aufgeboten
werden sollte, diese Stadt bis auf das Aeußerste
zu vertheidigen.
Von allen Seiten traf man nun hierzu Vor-
bereitungen. Schanzen wurden außerhalb der
Stadt aufgeworfen, die Kettenbrücke, jenes Pracht-
werk, das beinahe eine halbe Million Gulden
kostete, unterminirt, um sie beim Uebergang des
Feindes in die Luft zu sprengen, und Kanonen
aufgefahren. Die Bewohner der Stadt, sonst
gewohnt, um diese Zeit die Freuden des Früh-
jahrs zu genießen oder in gewerblicher Thätigkeit
sich abzumühen, mußten nun für die Sicherheit
ihrer Familien eifrig Sorge tragen. Lebensmit-
tel wurden herbeigeschafft, um einige Zeit in den
Kellerräumen zubringen zu können; alle Kellerlu-
cken mit Dung verstopft und Wasserbehälter in
allen Räumen des Hauses aufgestellt und gefüllt.
Dazu kam die Angst vor einer Plünderung und
von trostlosen Gemüthern suchten die Meisten
das Eigenthum zu verbergen.
Alle Laute der Freude waren verloschen und
ferne und Besorgniß und Beklommenheit der Ge-
müther hatte sich eingestellt; nur die Gemeinheit
und Rohheit, im Gewande der Freischaaren, gin-
gen brüstend umher. Da brachte am 15. Juni
Morgens 10 Uhr Geschütze und Gewehrfeuer in
der Nähe der Stadt den erschreckenden Bewohnern
die ernste Mahnung, daß die wirkliche Gefahr
nun im Anzug sei. Ein Cavallerieangriff der
Reichstruppen, die zur Auskundschaftung bis Kä-
ferthal, einem Dorfe, das etwa eine Stunde
von Mannheim entfernt liegt, vorgerückt waren,
hatte die Vorhut der Aufständischen bis unter
die Kanonen der Kettenbrücke zurückgetrieben.
Verwundete Dragoner sprengten in die Stadt,
um diese Hiobspost zu überbringen. Freischärler
trieben sich betrunken umher und stürzten dann
tobend hinaus, um den Feind abwehren zu hel-

einer

fen und die Angst und der Schrecken nahmen
überhand. Alles schrie und rannte durch die
Straßen, Mütter suchten ihre Kinder, die Markt-
leute packten ihre Waaren zusammen, um sie in
Sicherheit zu bringen und flüchteten sich in die
Häuser. Die Trommeln wirbelten Alarm durch
die Straßen, Kanonen rasselten über das Pfla-
ster, die Cavallerie brauste nach, Alles der Ket-
tenbrücke zu, um den Feind abzuhalten. Dieser
zog sich nun, da auch von Feudenheim, einem
Dorfe am Neckar und etwa drei Viertel Stun-
den von Mannheim, die Badischen auf ihn ein-
drangen, zurück und in Zeit von einer Stunde
war auf dieser Seite Alles vorüber. Aber an
diesem Tage sollte der Schrecken nicht enden,
und kaum waren die letzten Schüsse über dem
Neckar verhallt, als neue Gewehrsalven vom
Rhein herüberdröhnten. Ehe wir aber auf das
Gefecht jenseits des Rheins näher eingehen,
sehen wir nach Ludwigshafen und betrachten
wir es noch vor dem 15. Juni 1849. Die ju-
gendlich aufblühende Stadt war der Tummelplatz
von Freischaaren. Ueberall Schildwachen mit
verwitterten Gesichtern und barrokken Anzügen,
keck und verwegen, Helden vom Bierkruge und
der Weinflasche. Bramabasirende Reden im
Munde, aber keinen Muth in der Brust. In
den Wirthshäusern Tag und Nacht wildes Ge-
schrei und Gejohle, fortwährendes wahnsinniges
Trommeln und Abfeuern von Büchsen und Flin-
ten, kurz ein Zustand der vollständigen Verwil-
derung und Ordnungslosigkeit.
Die Hauptstraßen schlossen hohe Barrikaden
und wenn man so die Siegeslieder hörte und an
den martialischen Gestalten vorüberging, hätte
man glauben sollen, ein zweites Sarragossa

würden die Freiheitskämpfer aus dem Städtchen

machen. Doch der Schein trügt.
Am 15. Juni naheten endlich von Oggers-
heim her die Preußen. Den ganzen Morgen
flüchteten sich die Einwohner nach Speier und in
die umliegenden Ortschaften und die Ordonnan-
zen flogen über die Brücke nach Mannheim, Ver-
stärkung verlangend und die Nähe des Feindes
verkündend. Jetzt ging es noch einmal tüchtig
über die Weinkrüge her, um sich Muth zu ver-
schaffen und mit wildem Geschrei stürzte die Mann-
schaft nach den Barrikaden.
Die Preußen, ein Bataillon vom 28. Regi-
ment, nahten in zwei Abtheilungen, der eine
Theil sollte die Hauptbarrikade nehmen, der an-
dere besetzte als Reserve den Bahnhof. Kaum

daß die ersten Pikelhauben in der Ferne auftauch-
ten, begannen schon die Freischärler aus allen
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