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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/wandersmann_1850/0031
Fenstern und Löchern ein zweckloses Schießen,
denn keine Kugel war im Stande den Feind zu
erreichen. Jeder wollte commandiren, Jeder ei-
nige Feinde getödtet, Jeder die meiste Courage
haben, es war keine Ordnung und keine Führung.
Endlich erwiderten die Preußen das Feuer
und zwar in wirksamer Nähe. Ein Barbier, der
sich im Rausche vor die Barrikade gestellt hatte,
fiel todt nieder, einige der Insurgenten wurden
verwundet und die Uebrigen überfiel ein panischer
Schrecken. Als aber der Feind rasch vorrückte
und im Sturmschritt auf die Barrikade losging,
auch ein gutbedienter Sechspfünder seinen Baß
in das Geknatter des Kleingewehrfeuers einstim-
men ließ, da war kein Halten mehr und die
unüberwindlichen Helden stürmten fliehend zurück
nach der Rheinbrücke. Ein mörderisches Feuer
richteten nun die Preußen auf den fliehenden
Haufen auf der Brücke. Viele stürzten, Andere
warfen ihre Waffen weg, um besser laufen zu
können und Einige fielen im Gedränge in den
Rhein und fanden so ihr Ende. Eilig wurde

die Brücke abgeführt, denn schon glaubten sie in

der Angst, die Sosdaten würden sie bis in die
Stadt verfolgen. Da kamen noch Mehrere nach,
verzweiflungsvoll sahen ste, daß ihnen der Rück-
weg abgeschnitten war und sprangen dann, Schutz
vor den Kugeln suchend, in die Brückennachen.
Ein lautes Hurrah der Preußen verkündete jetzt
ihre Eroberung.
Nun geschah erst das Unverantwortliche. Mit
einem wahnsinnigen Artilleriefeuer wollten die
Helden den Feind aus den Häusern vertreiben.
Schanzen werden am Ufer in Mannheim aufgewor-
fen, man requiritte dazu die vorräthige Baum-
wolle der Kaufleute aus den Lagerhäusern und
verursachte dadurch einen bedeutenden Schaden.
Doch was fragten diese Menschen nach dem Ver-
luste der Bürger, konnten sie nur ihre Zwecke
der Zerstörung verfolgen und ihre Lust zum Ver-
derben befriedigen. Vor ihren Augen fanden die
Resultate des Fleißes, der gewerblichen Thätig-
keit und industriellen Sinnes, die Häuser und
Ladplätze der jungen Stadt keine Gnade, Kugel
auf Kugel schickten sie hinüber, eine frivole Wette
um eine Flasche Wein, diesen oder jenen Gegen-
stand zu treffen, war oft die Ursache, daß Tausende
zu Grunde gingen. Bald brannten in Ludwigshafen
Scheuer und Stallung des Gasthofes zum "Deut-
schen Hause", ihnen folgte der Ladschoppen mit den
anstoßenden Gebäuden. Unbarmherzig wühlten
die Flammen in den hier angehäuften Waaren
und Gütern und schlug bald hoch auf, den Be-
wohnern der fernen Berge die Kunde bringend

von dem Barbarismus der sogenannten Freunde
der guten Sache. Den Werth einer Million ver-
zehrte das Feuer in seinem rastlosen Umsichgrei-
fen, die Reste kostbarer Vorräthe, das Vermögen
manchen braven Familienvaters schwamm bren-
nend und rauchend den Rhein hinab; empört
über das Schreckliche und der ohnmächtigen Wuth
lachend, standen die Preußen sicher hinter den
natürlichen Schanzen, den Häusern, und dennoch
verkündete den Tag darauf die Karlsruher Zei-
tung, das Organ der revolutionären Regierung,
dieselben wären bis Worms zurückge-
trieben worden.
Noch rauchte und glühte die Brandstätte, als
auch schon die Rheinschiffbrücke in Brand über-
ging. Leicht wäre es von Anfang gewesen, die-
selbe zu löschen, aber was fragten die fremden
Abenteuerer Corvin, Trützschler und Steck
nach einem so werthvollen Gegenstande? Und Joch
auf Joch mit verkohlten Leichen trieb brennend
den Rhein hinunter; ein Schaden von 80,000 -
100,000 fl. erwuchs dem Staate dadurch, abge-
sehen von jenem, den die Stadt durch die daraus
entstandene mangelhafte Kommunikation auf lange
Zeit zu tragen hat.
Bei der Flucht der Freischärler aus Ludwigs-
hafen, von den Preußen auf dem Fuße verfolgt,
retteten sich mehrere auf der Schiffbrücke in ein
Joch derselben; in der folgenden Nacht schwam-
men einige herüber und meldeten, daß noch
mehrere in den jenseitigen Brückennachen sich ver-
steckt hielten, der steten Todesangst und den Qua-
len des Hungers preisgegeben. Die Theilnahme
an den Unglücklichen war sehr groß, aber wer
konnte ihnen helfen? Einigen gelang es, nach
vier Tagen das Joch abzuhauen und sich durch
den Rheinstrom treiben zu lassen, sie wurden in
der Nähe der Mühlau gerettet, Andere, und zwar
steben, meist Freischärler, brachten sechs Tage
ohne Nahrungsmittel in diesem schrecklichen Zu-
stande zu, bis man sie mit Einverständniß der
bereits in Ludwigshafen eingerückten bayerischen
Truppen mit einem Kahne holte und als Gefan-
gene zur Pflege den Baiern übergab. Sie hat-
ten Furchtbares geduldet und gelitten und die
Hülfe fand sie der Auflösung nahe.
Das Schießen war nun von beiden Seiten
eingestellt, aber der Ingrimm der Infurgentenfüh-
rer wuchs von Stunde zu Stunde, da sie bestän-
dig Nachricht erhielten von den Siegen des Fein-
des, und um das Ausreißen zu verhindern, muß-
ten sie ihre eigenen Leute mit Lügen traktiren.
So nahte der 21. Juni, der Tag der Con-
trerevolution in Mannheim. Der frechen, auf-


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