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eworfenen Herrschaft müde, welche Leben und
Eigenlhum von 26,000 Seelen in Händen hatte
und damit verfuhr, wie verzweifelte Spieler, er-
mannte sich der gutgesinnte Theil der Bürger und
setzte sich mit der bewaffneten Macht ins Einver-
nehmen, um Leben und Eigenthum zu retten.
Wohl machten die Aufrührer noch anstrengende
Versuche, ihre Sache zu retten, wohl gab Cor-
vin noch Befehl, mit Bomben den Hemshof,
die Gräfenau und den Bahnhof in Ludwigsha-
fen in Brand zu schießen, aber es war zu spät;
sie mußten fliehen vor dem Zorne der Bürger und
dem Schwert der Gerechtigkeit, oder wurden ge-
fangen, um ihre Thaten zu sühnen. Aber noch
stehen gegenwärtig die Brandmauern, ein trauri-
ges Denkmal der Verblendung und der Volksver-
führung. .
½ Die Propaganda des
Umsturzes.
Im allerersten Kapitel hat der Wandersmann
das Versprechen gegeben, dem Leser näher aus-
einanderzusetzen, was die Propaganda für ein
Ding ist. Es gibt viele solcher fremdklingenden
Sachen in unseren Zeitungen, wie z. B. Reak-
tion, Anarchie, Socialismus und dergl.; dar-
um kann es nichts schaden, wenn der Leser auf
hausmannsdeutsch Bekanntschaft mit ihnen macht.
Also die Propaganda des Umsturzes ist ein
Ungeheuer, das von irgend einem Winkel der
Welt, namentlich von Paris ausgehend, Men-
schenraub treibt, die Menschen nämlich aus ihrem
Frieden und ihrer Harmlosigkeit zu reißen, und
ihre Gemüther mit allerlei unheilvollen Ideen zu
bestricken sucht.
Mit anderen Worten, die revolutionäre Pro-
paganda ist nichts anderes, als eine Verzweigung
von geheimen Gesellschaften zur Ausbreitung des
falschen Evangeliums der Untreue und Lüge, zum
Ausstreuen des Saamens der Verderbniß, der
vor unseren Augen in so blutigen Früchten auf-
ging. Die Oberleitung aller dieser weit verzweig-
ten Vereine von Verschwornen liegt in Händen,
die der großen Mehrheit der Mitglieder stets un-
bekannt bleiben. Die Wirkung unter dem Volke
geschieht heimlich durch allerlei künstliche Täu-
schungsmittel, so daß das ausersehene Opfer der
Verführung nichts davon merkt. Besonders in
der Schweiz war die Natterbrut dieser Verschwö-
rer äußerst thätig, denn dort legte man ihnen
wenig oder gar nichts in den Weg. Dort war
die hohe Schule für die falschen Propheten, dort
wurden namentlich die Handwerksburschen auf das
neue Evangelium getauft, und in alle Welt aus-
geschickt, es zu verbreiten. Dort bekamen die
Handwerksburschen Unterricht in der Lüderlichkeit,
in dem Ungehorsam gegen Gott und Menschen,
in dem Haß gegen alle Ordnung. Wie mancher
Hausvater hatte sich gegen solche Schelme als
barmherzigen Samaritter erwiesen, sie gespeist
und beherbergt, ohne zu ahnen, daß gerade diese
frechen Thunichtgute am meisten zu dem kommen-
den Unheile beitragen würden! Das Wandern
der Handwerksgesellen, in früheren Zeiten so zweck-
mäßig und nutzhringend, sollte jetzt nur noch unter
den strengsten Bebingungen gestattet werden, denn
diese arbeitsscheuen Fechtbrüder sind eine Eiter-
beule der Pest in der menschlichen Gesellschaft,
und wenn der Leser dem Wandersmanne folgen
will, so gibt er keinem reisenden Handwerksbur-
schen mehr einen Zehrpfennig, wenn er sich nicht
ausweisen kann, daß er lange bei einem Herrn
in Arbeit gewesen, und sich sittlich gut aufgeführt
hat.
Nun weiter: Diese Propaganda mit dem Höͤl--
lenrachen hat die Eigenschaft des Ameisenbaäͤrs, der
nur das Maul aufzusperren braucht, um tausende
von Ameisen zu verschlucken, die unwiderstehlich
von seiner Zunge angezogen werden. Alle Un-
zufriedenen jauchzten dem neuen Evangelium der
wohlfeilen Glückseligkeit entgegen, und zeigten sich
thätig in der Verbreitung desselben. Wo immer
einige Menschen in irgend einer Verrichtung bei-
sammen waren, bestimmt befand sich ein solcher Au-
sendling der Propaganda unter ihnen, um mit
gleisnerischen Reden, und blendenden Trugschlüs-
sen den Geist der Unzufriedenheit in die Gemü-
ther einzuschwaͤrzen. Um kurz zu sein, die Pro-
paganda hatte es darauf abgesehen, die Revolu-
tion vorzubereiten, indem sie die Gemüther der
Menschen durch Wort und Schrift und auf allen
erdenklichen Schleichwegen mit Haß gegen alles
Bestehende zu erfüllen, und hauptsächlich von dem
christlichen Glauben abwendig zu machen suchte.
Bei uns in Deutschland gingen die Verschwörer
sogar so weit, daß sie den Deutschen von sich
selbst abwendig zu machen suchten, die Vater-
landsliebe und den Nationalstolz, den kein Volk
der Erde ablegen würde, förmlich erstickten, in-
dem sie die Leute anlernten, in Einem fort über
ihr Vaterland zu schimpfen. Sie hatten es be-
reits so weit gebracht, daß wir vor uns selbst
keinen Respekt mehr hatten, und frohlockend in
die Hände klatschten, wenn Deutsche von Frem-
den das Kamisol tüchtig ausgeklopft bekamen. -
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